Kino / Portraits

Endlich Erntezeit

Peter Simonischek erhielt den Ernst-Lubitsch-Preis und hofft mit "Toni Erdmann" auf einen Oscar

Da spielt einer jahrzehntelang auf der Bühne die anspruchsvollsten Rollen - bleibt indes aber im gnadenlosen TV- und Filmbetrieb meist im Hintergrund. Wie fühlt sich das an, wenn dieser Mensch nun am Karriereende plötzlich Kinogeschichte schreibt? Ziemlich gut anscheinend - schaut man Peter Simonischek beim Reden und Gestikulieren zu. Beim Preise-in-Empfang-nehmen und -in-die-Luft-strecken. Beim Umgarnt- und Gepriesenwerden. Im vergangenen Jahr feierte der Österreicher und Weltbürger nicht nur seinen 70. - sondern mit dem weltweit gefeierten Meisterwerk "Toni Erdmann" auch seinen internationalen Durchbruch. Es folgten Nominierungen und Preise in Cannes, bei den Golden Globes, beim Europäischen Filmpreis und viele mehr. In Berlin, wo er jahrelang lebte, nahm Simonischek nun den Ernst-Lubitsch-Preis entgegen - die letzte Trophäe soll es nicht sein. Das absolute Highlight steht schließlich am 26. Februar noch an. Aufgeregt? Das sei er vor der Oscar-Verleihung nicht, gibt Peter Simonischek süffisant zu Protokoll. Ein Gespräch über späte Auszeichnungen, nie gebrauchte Dankesreden und Abendessen mit Richard Gere.

teleschau: Man kann Sie ja zu ziemlich allem beglückwünschen: zum Lubitsch-Preis, zur Oscar-Nominierung, zum gesamten vergangenen Jahr ...

Peter Simonischek: Und zu meinem 70. Geburtstag, das ist ja alles nur daraufhin ausgerichtet worden. Das hat alles meine Frau organisiert (lacht)!

teleschau: Und es ist noch nicht vorbei! Wie fühlt sich Ihr Leben denn nach "Toni Erdmann" an? Hat sich schon etwas verändert?

Simonischek: Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten: Entweder man lebt gut und glücklich und fein mit Ups und Downs und kommt nie in die Nähe dieser Preise. Die andere Möglichkeit wäre: Man hat dieses Glück, irgendwann einmal in einen Zusammenhang zu geraten, der den Juroren preiswürdig erscheint. Dann hängt viel davon ab, wie alt man ist. Bei meinem Landsmann Christoph Waltz ist das zu einem Zeitpunkt passiert, an dem es eine Weichenstellung für sein Leben bedeutete.

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teleschau: Und bei Ihnen?

Simonischek: Wenn mich das vor 20 Jahren ereilt hätte, dann hätte ich wahrscheinlich anders reagiert. Nun jedoch bringt das für mein Leben keine großen Veränderungen. Ich würde nicht von Wien nach Los Angeles ziehen. Mit 50 kann man sich das ja überlegen - wenn man genügend Angebote erhält. Aber ich bin 70 und sehe das nicht als Weichenstellung in ein neues Leben, sondern als Belohnung für ein konsequentes Berufsleben.

teleschau: Inwiefern konsequent?

Simonischek: Ich war zum Beispiel 20 Jahre in Berlin an der Schaubühne, mit wirklich guten Leuten. Der Erfolg und die Preise sind nun keine zwingende Konsequenz daraus, aber doch eine mögliche. Darüber freue ich mich und sehe das ein wenig als Erntezeit an.

teleschau: Kamen denn schon mehr oder andere Angebote als früher?

Simonischek: Mal schauen, was noch eintrudelt. Das erhoffe ich mir natürlich davon am meisten: gute Möglichkeiten zu arbeiten, mit guten Bedingungen, guten Drehbüchern und guten Leuten. Das ist das Entscheidende. Schließlich sind wir Schauspieler in unserem Beruf nicht autark. Außer man ist ein Solo-Entertainer.

teleschau: Als solcher sahen Sie sich nie?

Simonischek: Das war ich schon von meiner Begabung her nicht. Das Schönste für mich auf der Bühne war immer, wenn man zu zweit oder zu dritt etwas entstehen lassen kann, was allein gar nicht ginge. Im Austausch und Spiel mit dem Partner stellt sich etwas Drittes her - etwas Emotionales, Beängstigendes, Rührendes oder Erhellendes. Das hat mich immer am meisten interessiert.

teleschau: Finden Sie das in TV und Kino auch?

Simonischek: Meine Agentur war natürlich sehr interessiert daran, dass ich mehr Film-Angebote annehme. Und das Niveau im Fernsehen hat sich auch verändert: Beispielsweise der "Tatort" gehört ja inzwischen mit zum Besten, was man im deutschen Fernsehen sehen kann. Vor 30 Jahren war das noch ganz anders. Da hat man den mit spitzen Fingern angefasst - er besaß einfach nicht das Niveau und die Qualität wie heutzutage. Damals war man eher darauf aus, im Fernsehspiel unterzukommen.

teleschau: Sie wirkten aber auch in leichteren Krimi-Produktionen mit.

Simonischek: Ich spielte ja sogar in dieser Krimi-Serie mit, "Helicops". Da sagte ich auch erst: Ich mach das nicht. Da hieß es dann aber: Das spielt in Berlin, da kannst du tagsüber drehen und abends deine Vorstellung in der Schaubühne spielen. Dann hab ich's gemacht - und auch nicht wirklich bereut.

teleschau: Die künstlerisch anspruchsvollen Rollen hatten Sie bislang eher im Theater. Glauben Sie, nach "Toni Erdmann" ändern sich dahingehend auch Ihre Film-Rollen?

Simonischek: Ich war ja immer offen dafür. Aber man muss sagen, dass es gar nicht so wahnsinnig viele Arthaus-Rollen gibt. Ein paar gute Filme habe ich gemacht, "Hierankl" etwa oder "Oktober November". Aber man geht nicht von einem Arthaus-Film zum nächsten. Und manchmal passt es dann zeitlich nicht - da muss man sich entscheiden: Will ich nun am Theater spielen oder Filme drehen? Ich wollte ja immer beides!

teleschau: Konnten Sie das in Ihrem Leben einigermaßen vereinen?

Simonischek: Entweder du spielst einen Film oder du spielst im Tschechow en suite - da kannst du keinen Film machen. Ich hatte ja immer Familie und brauchte Kontinuität in der Arbeit. Und wenn man bei Filmen diese Kontinuität braucht, muss man im Anspruch Abstriche machen. Zumindest auf einem gewissen Level; ist man dann ganz oben, sieht es wieder anders aus.

teleschau: Sie sind ja auf dem besten Wege dahin: Europäischer Filmpreis, Golden-Globe-Nominierung - und nun das Highlight: die Oscarverleihung. Wie aufgeregt sind sie vor dem 26. Februar?

Simonischek: Eigentlich bin ich ja ein Hasenfuß. Aber: Ich bin überhaupt nicht aufgeregt!

teleschau: Tatsächlich kein bisschen?

Simonischek: Ich lasse das gar nicht erst zu. Da bin ich zu vernünftig - ich weiß, dass es absolute Glückssache ist.

teleschau: Sie machen sich auch keine Gedanken über die Chancen von "Toni Erdmann"?

Simonischek: Nein. Und wenn ich mir Gedanken mache, dann erreichen diese nicht meinen Bauch. Ich bin nicht nervös. Aber ich weiß, wann ich dann nervös werde.

teleschau: Sagen Sie es uns?

Simonischek: Beim Europäischen Filmpreis etwa war es so: In jenem Moment, in dem die fünf Filme mit Ausschnitten gezeigt werden und die Person mit dem Kuvert in der Hand dasteht. Da werde ich nervös! Da fängt mein Herz an zu rasen! Und dann hat die meinen Namen genannt.

teleschau: Was ist dann passiert?

Simonischek: Da bin ich durch die Decke gegangen! Zu meiner eigenen Überraschung. Es gab diesen regelrechten Flash, und ich dachte: "Wow, was passiert denn da mit mir?!" Das hat sich dann auch nicht so schnell beruhigt. Ich hatte keine Rede vorbereitet - das war aber auch gar nicht notwendig: Ich hätte sie ohnehin nicht halten können (lacht)!

teleschau: War das trotz Ihrer vielen Preise eine neue Erfahrung für Sie?

Simonischek: Ja! Ich gewann ja bislang gar nicht so viele, zwei Grimme-Preise und ein paar Hörspiel-Preise. Aber das Gustav-Gans-Gen hatte ich nie. Ich war sehr oft nominiert. Doch ich kenne das Gefühl sehr gut, wenn gesagt wird: "... and the Winner is" ... - und dann kommt ein anderer Name. Deshalb habe ich zu Hause einen ganzen Ordner voller nicht gebrauchter Dankesreden.

teleschau: Die Enttäuschungen waren also bislang groß?

Simonischek: Beim "Bambi" etwa war es so: Da wurde mir vorher gesteckt, dass wir den kriegen. Die Produzentin sagte, ich solle mir ein bisschen was ausdenken, was ich sagen könnte. Bei der Verleihung saß dann Oliver Masucci neben mir, der für "Er ist wieder da" nominiert war, und sagte: "Toni Erdmann' ist so ein Wahnsinnfilm, du kriegst den eh!" Ich erwiderte natürlich nichts! Und dann wurde das Kuvert aufgemacht ... Da war ich echt sauer! Warum sollte man mir das vorher verraten, wenn es nicht stimmt? Deshalb sagte ich mir: Das war's, ich schreibe keine Reden mehr.

teleschau: Für die Oscars bereiten Sie als gar nichts vor?

Simonischek: Da muss man ja auch mal die Kirche im Dorf lassen. Es ist ja der Auslands-Oscar, das heißt, der Film bekommt die Trophäe - nicht der Hauptdarsteller und nicht die Regisseurin. Aber wenn jemand eine Rede hält, dann Maren Ade. Und diese Oscars stehen üblicherweise im Produktionsbüro. Der erste Oscar, den ich in der Hand hielt, war bei dem Produzenten Franz Seitz in München, der damals die "Blechtrommel" produziert hat. Da wollte ich natürlich mal anfassen - hab ihn erst mal entstaubt und dann, das kennt man ja: "Oh ist der schwer" (lacht)!

teleschau: Bevor es hoffentlich wieder soweit ist, konnten Sie bei den Golden Globes ja bereits Hollywood-Atmosphäre schnuppern. Wie war das?

Simonischek: Das verrate ich nicht! Es war gut, es war in Ordnung. Der Höhepunkt war die tolle Rede von Meryl Streep. Gut, wir haben ihn auch nicht bekommen. Hätten wir gewonnen, würde ich das Ganze vielleicht mehr durch die rosarote Brille betrachten. So kann ich nur sagen: Es ist extrem pragmatisch.

teleschau: Gar nicht pompös?

Simonischek: Da gibt es kein Beiprogramm; einer nach dem anderen kommt dran. Die Stars sind ihr eigenes Programm.

teleschau: Hatten Sie Gelegenheit, mit den Hollywood-Größen zu smalltalken - oder hoffen Sie bei den Oscars darauf?

Simonischek: Das passiert eher an anderer Stelle, nicht in Hollywood. Sehr genossen hab ich das beim Telluride-Festival in Colorado im September vergangenen Jahres. Das ist auf 3.500 Meter Höhe, ein Skiort wie Kitzbühel. Außer dass man dort beim Schuhezubinden schon außer Atem kommt, mochte ich das sehr. Da sah ich "La La Land" und "Manchester By The Sea" - mit allen Stars! Ohne Roten Teppich, ohne Dresscode. Da sitzt Clint Eastwood und trinkt einen Kaffee, daneben Casey Affleck; mit Richard Gere waren wir abendessen. Völlig ungezwungen, die sind da normale Menschen und werden auch in Ruhe gelassen. Und wenn der Film zweimal gelaufen ist, rufen dir die Leute auf der Straße zu: "Hey Toni, how are you!?"

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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