Kino / Portraits

Das Erlebte vergisst man nie

Anatole Taubman spielt in "Es war einmal in Deutschland" (Kinostart: 6. April) einen jüdischen Wäscheverkäufer und reist in die eigene Vergangenheit

Kann man in einem Film über den Holocaust Witze erzählen? Anatole Taubman (46) findet: Ja, unbedingt, wie er im Interview zu Sam Gabarskis "Es war einmal in Deutschland" (Kinostart: 6. April) verrät. In dem Film mit Moritz Bleibtreu und Antje Traue in den Hauptrollen spielt der in Berlin lebende britische Schweizer einen Überlebenden des Holocaust: einen Teilacher, einen jüdischen Hausierer, der mit einer Handvoll Freunden im Nachkriegsdeutschland einen florierenden Wäschehandel aufbaut. Während Taubman, der im Bond-Film "Ein Quantum Trost" als Bösewicht Elvis Weltruhm erlangte, in seinem Hotelzimmer in Gap sitzt, wo er seinen neuen Kinofilm "L'Apparation" dreht, und sein Blick immer wieder aus dem Fenster in die französischen Alpen wandert, wird er sehr persönlich, wenn er von den Wunden erzählt, die der Holocaust seiner Familie zugefügt hat und die bis in die Gegenwart schmerzen.

teleschau: Regisseur Sam Gabarski verarbeitet den Holocaust in seinem Film mit melancholischem Humor: Wie fanden Sie das?

Anatole Taubman: Erstmal: Es ist wichtig, dass man Filme über dunkle Kapitel der Menschheit immer macht, dass man nie aufhört, Geschichten über tragische Schicksale zu erzählen. Ob sie weit zurückliegen oder aktuell sind, ist egal: Sie sind wichtig wider das Vergessen. Eine Zeit wie den Holocaust mit einem gewissen Humor zu beschreiben, finde ich ziemlich spannend. Nicht zuletzt, weil ich glaube, dass der Humor das Einzige war, was den betroffenen Menschen, den Überlebenden, übrig blieb.

teleschau: Die Juden machen das seit Jahrhunderten - Traumatisches mit Witz verarbeiten ...

Taubman: Genau deswegen fand ich die Herangehensweise sehr originell. Und sie ist gar nicht soweit hergeholt. Es ist ja bekannt, dass sowohl Opfer als auch Täter nicht gerne darüber gesprochen haben, was in der Nazizeit passierte. Die Konfrontation mit dem Thema war aber gerade für die Teilacher nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig.

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teleschau: Sie selbst haben drei ihrer Großeltern in Konzentrationslagern verloren: Wie wurde denn bei Ihnen zu Hause mit dem Thema umgegangen?

Taubman: Meine Mutter wurde 1939 geboren, sie konnte mir wenig erzählen. Sie war mit vier Jahren Vollwaise und ist in einem Mädchenheim aufgewachsen. Man hat aber an ihrem Wesen, an ihrem Charakter gemerkt, dass sie ein großes "Päckl" getragen hat. Sie ist mit einem Riesenrucksack in die Welt hinaus geschickt worden, und man hat ihr nie die Möglichkeit gegeben, Frieden zu finden. Das war sehr tragisch für meine Mutter, die es allerdings, anders als ich mit meinem Blick von außen, nicht bewusst wahrgenommen hat.

teleschau: Und Ihr Vater?

Taubman: Von meinem Vater, der 30 Jahre älter als meine Mutter war und starb, als ich zehn war, habe ich leider zu wenig mitbekommen, als dass er mir etwas hätte erzählen können. Ich habe allerdings Briefe im Nachlass meiner Mutter gefunden, zwischen meiner Großmutter väterlicherseits und ihren Söhnen. Sie beschreiben die Zeit sehr gut. Was mir auffiel, war die milde Wortwahl. Es gab darin keine Kraftausdrücke, es wurde alles sehr höflich und nicht sehr direkt besprochen, obgleich die Briefe voller Sorge waren.

teleschau: Empfinden Sie es als Bürde oder als Erleichterung, nicht direkt mit den Schrecken des Holocaust konfrontiert gewesen zu sein?

Taubman: Ich mag zwar jemand sein, der relativ wenig von seinen Verwandten direkt mitbekommen hat, aber trotzdem musste ich dieses Gepäck auch tragen. Zum Beispiel hat meine Mutter ihre Enkel nie sehen wollen, sie wollte auch Claudia Michelsen, die Mutter meiner Kinder und meine Seelenverwandte, nie kennenlernen. In jedem Gespräch hat sie mich gefragt, warum ich in Deutschland lebe und nicht in Israel. Sie spie bösen Hass auf meine Kinder und auf meine Frau, obwohl sie sie gar nicht kannte. Das war für mich schwer. Ich musste ihr irgendwann sagen: "Mom, ich kann nicht verantwortlich sein für dein Seelenheil." Sie war der Welt immer fremd, und ich habe das massiv zu spüren bekommen. Vor allem in dem Konflikt: "Ich lebe jetzt in Berlin, ich habe eine Frau und zwei Kinder. Ja, sie sind deutsch, und ich liebe sie. Ich würde gern, dass du deine Enkel kennenlernst, Mama."

teleschau: Wie kann man denn einen so tief sitzenden Stachel ziehen?

Taubman: Das Erlebte wird man nie los. Nehmen Sie doch mal das Schicksal von David Bermann in "Es war einmal in Deutschland": Er wird von denen, die seine Familie umgebracht haben, als Clown missbraucht. Und der muss sich nach dem Krieg rechtfertigen: "Soll ich dafür bestraft werden, dass ich meine eigene Haut rette?" Trotzdem schaut er optimistisch nach vorne: "Vergesst nicht, Hitler ist tot. Wir leben noch." Die Figuren im Film hatten Glück, so blöd das klingt. Was nützte es, Trübsal zu blasen? Also blickten sie nach vorne blicken und sahen zu, dass sie aus diesem Land rauskommen.

teleschau: Sie persönlich sind als Jude aber nach Deutschland gegangen: Warum eigentlich?

Taubman: Ganz einfach: Ich hatte Mitte der 90er-Jahre ein Angebot von MTV Deutschland. Ich lebte damals in London und hatte kein Geld. Mein Umzug war eine Notwendigkeit, um zu überleben: Ich bekam in Deutschland einen Job.

teleschau: Wie schwer war es denn für Sie, im Land der Täter zu leben?

Taubman: Ich hatte die ersten Jahre schwer damit zu kämpfen. Am Anfang war da eine versteckte, tiefe Wut in mir, die ich mittlerweile als ungerechtfertigt ansehe. Ich hatte mit den bösen Deutschen nichts zu tun, das war in einer anderen Zeit. Aber ich spürte eine Aversion. Und dann wurde ich ganz normal willkommen geheißen. Ein bisschen deutsch zwar: distanziert und diszipliniert, ein bisschen trocken auch. Preußisch steif halt, aber loyal und lieb im Herzen. Ich fühlte mich pudelwohl, das Land war sehr gut zu mir. Was meiner Familie angetan haben, machte die Enkelgeneration auf eine sehr persönliche Art und Weise wieder gut. Jetzt habe ich deutsche Töchter, meine besten Freunde sind Deutsche - ich liebe die Deutschen. (lacht)

teleschau: Haben Ihre jüdischen Wurzeln irgendwann mal eine Rolle gespielt?

Taubman: Nie. Überhaupt nicht. Das erste und einzige Mal, dass sie eine Rolle in meinem Leben spielte und ich wusste, dass ich anders bin, war beim Fußballspielen in der Schweiz, in Zürich. Ich war etwa zwölf Jahre alt, und nach dem Spiel guckte einer auf meinen "Schnitzel" und sagte: "Hey, du bist ja ein Saujud'!" Danach bin ich zu meiner Mutter gegangen und fragte sie, was ein Saujud' überhaupt ist.

teleschau: Sind Sie in der Schweiz oft mit Antisemitismus konfrontiert worden?

Taubman: Nein, überhaupt nicht. Ich würde sagen, das hat sich heute massiv geändert. Damals aber, Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre war das anders. Ich meine, die Schweiz ist das Land, das den Frauen erst 1990 in allen Kantonen das Stimmrecht gegeben hat. Ich würde nicht sagen, dass die Schweizer antisemitisch sind, aber mit allem, was anders ist, was fremd ist, haben sie ein Problem. Heute zum Beispiel mit den Deutschen, was allerdings eher an Minderwertigkeitskomplexen liegt.

teleschau: Sie sind ein Kosmopolit, ein Schweizer, der mit britischem Pass in Deutschland lebt: Geben Sie Ihren britischen Pass, jetzt wo der Brexit auch formell eingereicht wurde, eigentlich ab?

Taubman: Mit dieser Frage habe ich mich die letzten neun Monate beschäftigt. Ich will ihn nicht abgeben, aber ich möchte auch endlich einen Schweizer Pass. Nachdem meine Mutter im letzten Jahr gestorben ist, kam in mir die Frage hoch: Wo ist eigentlich Heimat? Heimat mache ich vor allem an Menschen fest. Aber wenn es ein prägendes Land gibt, dann ist es für mich die Schweiz.

teleschau: Dass Sie keinen Schweizer Pass haben, überrascht.

Taubman: Da sind Sie nicht der Einzige. Ich habe diesbezüglich vor einigen Wochen beim Migrationsamt des Kantons Schwyz vorgesprochen. Die Mitarbeiterinnen dort fielen ebenfalls aus allen Wolken.

teleschau: Wie kommt es eigentlich, dass Sie nur einen britischen Pass haben?

Taubman: Das wiederum hat wieder mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Außerdem hatten meine Eltern 30 Jahre Altersunterschied. Mein Vater kam 1909 zur Welt und ist bis heute der jüngste Erste Geiger, den die Berliner Philharmoniker je hatten. Er kam mit 19 aus Königsberg nach Berlin und verließ Deutschland erst sehr spät. 1938 schaffte er es gerade noch nach England. Weil seine Mutter schon dort war und seine Schwester mit einem Politiker verheiratet war, konnte er bleiben.

teleschau: Glück gehabt ...

Taubman: Na ja, das geschah nicht ohne Gegenleistung. Die Engländer sagten ihm, dass sie keine Zeit und Geduld für Geiger hätten, wohl aber an der Vielsprachigkeit meines Vaters interessiert waren. Also setzten sie ihm die Pistole auf die Brust: "Entweder, Herr Taubman, sie treten in die Armee ein, oder sie können gleich zurück." Und so wurde aus diesem armen kleinen Geiger ein Major der Green Howards und der Privatsekretär von General Montgomery. 1945 wurde er in Wien aus dem Dienst entlassen, bekam einen britischen Pass und wurde sogar in den Order of the British Empire aufgenommen.

teleschau: Wie ging es dann weiter mit ihm?

Taubman: Mein Vater blieb in Wien, wollte und konnte aber nicht mehr Geige spielen. Aber er hatte eine tolle Idee und rief all seine jüdischen Amigos an: Artur Rubinstein, Yehudi Menuhin, Isaac Stern, György Ligeti: Mein Vater wurde zu einem der bedeutendsten Klassikmanager der Nachkriegszeit. Dadurch lernte er übrigens auch meine Mutter kennen: Sie war Opernsängerin und hat bei ihm vorgesungen. Sie heirateten ziemlich schnell, und so wurde auch sie Engländerin. Die Frage nach dem britischen Pass vorhin ist also sehr berechtigt: Ich habe keinen Tropfen englisches Blut in meinen Adern.

teleschau: Ihre Familiengeschichte muss "Es war einmal in Deutschland" zu einem sehr privaten Film machen ...

Taubman: Natürlich. Es hat es mich total geschaudert und emotional überkommen, als ich das Drehbuch von "Es war einmal in Deutschland" las. Ich hatte die Geschichte für mich eigentlich schon verarbeitet, als ich 1999 bei "Band Of Brothers" mitspielte. Trotzdem hatte ich nicht den kleinsten Zweifel, dass ich Teil von "Es war einmal in Deutschland" sein möchte. Zumal der Film in einer Zeit spielt, von der man wenig weiß: Wie ging es den Juden 1946 in Deutschland eigentlich, als das ganze Land in Unordnung war? Was ist mit der Kriegsgeneration passiert? Auch die Deutschen mussten ja Not leiden, alle waren in Trauer, jeder hatte Familie verloren, und von den Juden wollte niemand reden. Es ist an der Zeit, dass man auch von dieser Zeit erzählt.

teleschau: Wie Sie zu Beginn des Gespräches gesagt haben: Man darf so etwas nicht vergessen. Für wie gefährlich halten Sie denn die gegenwärtigen rechtspopulistischen, nationalistischen Tendenzen in der westlichen Welt?

Taubman: Es passiert so viel so schnell auf der Welt, dass man zum Fähnlein im Wind wird, wenn man nicht weiß, wo man hingehört. Zum Glück hat die politische Stimmungslage aber bislang keine Auswirkungen auf meine Arbeit und auf mein Wesen. Eines meiner Mottos ist: "Personality and Character above Ideology and Religion" - Persönlichkeit und Charakter vor Ideologie und Religion. Ich versuche, jedem Menschen offen und freundlich zu begegnen. Wo er herkommt, woran er glaubt - das ist mir egal. Ich finde es extrem wichtig, zu Hause und in der Nachbarschaft zwischenmenschliche Werte weiterzugeben. Das geht aber nur, wenn man sich, wie es Shakespeare in "Hamlet" sagte, über allem sich selbst treu bleibt.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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