Kino / Portraits

Von den Dingen, die prägen ...

Thomas Helmer führt durch den Doppelpass bei SPORT1 (sonntags, 11.00 Uhr)

Ehemalige Fußballer, die als Experten fürs Fernsehen arbeiten, gibt es viele. Zum Moderator hat es nur einer gebracht: Thomas Helmer, 52 Jahre, führt seit Sommer 2015 als Nachfolger von Jörg Wontorra durch den erfolgreichsten Fußball-Talk Deutschlands. Jedes Wochenende reist er nach München zum "Check24 Doppelpass" und diskutiert sonntags live ab 11.00 Uhr bei SPORT1 mit Funktionären, Journalisten und Experten über die Bundesliga. Knapp 400 Spiele hat er selbst als Aktiver in der ersten Liga bestritten. Mit Dortmund und den Bayern feierte er Erfolge - drei deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege, den UEFA-Pokal 1996. Unter Berti Vogts wurde der gebürtige Herforder 1996 Europameister. Heute lebt er mit seiner Frau, der Schauspielerin Yasmina Filali, und seinen Kindern in Hamburg. Im Interview blickt Thomas Helmer zurück auf eine Karriere mit Höhen und Tiefen und stellt seine wichtigste Förderin und Kritikerin in all den Jahren vor ...

teleschau: Der "Doppelpass"-Experte Thomas Strunz, ja auch Ihr ehemaliger Mannschaftskollege beim FC Bayern München, hat sein erstes Vereins-Fußballspiel als Kind mit 0:12 verloren. Begann Ihre Karriere besser?

Thomas Helmer: (lächelnd) So, Strunzi - bei mir war's ein Sieg. 7:0. Oder sogar 9:0, da bin ich mir nicht mehr sicher.

teleschau: Wie alt waren Sie, als Sie anfingen?

Helmer: Sieben Jahre. Damals mit Post SG Bad Salzuflen in der E-Jugend. Die Trikots waren gelb, die Hosen schwarz - das weiß ich noch.

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teleschau: Und Sie als Verteidiger?

Helmer: Schon in der Jugend habe ich hinten gespielt. Dann nahm ich mir den Ball, lief einfach durch die Gegner durch und schoss das Ding rein. So war das damals, sagt jedenfalls meine Mutter.

teleschau: Sie selbst sind sich nicht so sicher?

Helmer: Ich gebe zu: Meine Erinnerung ist doch etwas verblasst. Ich erinnere mich vor allem an die Ascheplätze, auf denen ich eigentlich meine gesamte Jugend verbracht habe.

teleschau: Hatten Sie damals ein Idol?

Helmer: Nicht wirklich. Wenn, dann Uwe Seeler, wobei ich ihn nie wirklich spielen sah. Mir hat schon immer seine Art und Weise imponiert - dieses Bodenständige, Nette, Ehrliche. Und so ist er auch heute noch. Einfach ein toller Mensch.

teleschau: Und Ihre erste Erinnerung als Fernsehzuschauer?

Helmer: Das ist die Weltmeisterschaft 1974. Wobei: Gesehen hab ich das Finale gegen Holland damals eigentlich gar nicht. Ich verbrachte vor allem die zweite Halbzeit nur hinter der Couch, weil ich vor lauter Aufregung nicht mehr zuschauen konnte. Eigentlich habe ich das Spiel nur gehört, also den Kommentator Rudi Michel.

teleschau: Entstand zu dieser Zeit schon der Traum, einmal Profi zu werden?

Helmer: Nein, den Traum hatte ich nie. Ich spielte in meiner Jugend nur Kreisliga, da sah nichts nach Profikarriere aus. Ich wollte sogar aufhören, als meine Jugendzeit zu Ende war und ich zu den Senioren sollte. Der Präsident von Salzuflen hat mich dann überredet, doch weiterzumachen: mit 500 Mark und zwei Paar Fußballschuhen.

teleschau: Was stellten Sie mit Ihrem ersten Einkommen an?

Helmer: Ich habe es meiner Mutter gegeben, doch sie wollte es nicht haben. Sie war in meiner Kindheit und Jugend, was meinen Sport anging, viel euphorischer als ich und half mir, wo und wann sie konnte. Immer sparte sie Geld für meine Ausrüstung, fuhr mich überall hin und organisierte mein junges Spielerleben, nachdem ja mein leiblicher Vater recht früh verstorben war.

teleschau: Und dann kam Arminia Bielefeld?

Helmer: Das war Zufall. Das Glück, das man braucht. Wir spielten mit Bad Salzuflen gegen die zweite Mannschaft von Bielefeld. Der Sohn von Gerd Roggensack spielte dort. Sein Vater, der Trainer bei Bielefeld war, sah mich spielen und lud mich ein zu einem Probespiel: Elf gegen elf.

teleschau: Ein Angebot, das ...

Helmer: ... ich sofort abgelehnt habe. Ich fuhr mit meinen Kumpels lieber nach Ibiza. Währenddessen hat mein Vater den Vertrag mit Bielefeld einfach mal unterschrieben. Ich hatte also keine Wahl. Wobei in meinem Vertrag stand, dass ich die Schule mit allem Drum und Dran zu Ende machen durfte.

teleschau: Was wollten Sie eigentlich werden?

Helmer: Lehrer. Auch Journalist hatte ich mal überlegt. Auf jeden Fall wollte ich das Abi machen. Ich erinnere mich an mein mündliches Abitur. Das war im Fach Sport. Ich war am Morgen noch beim Training und kam dann eine halbe Stunde zu spät zur Prüfung.

teleschau: Und Sie durften trotzdem noch antreten?

Helmer: Schon, aber ich sollte irgendwas von Achterkreisen im Basketball erzählen. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht genau, wovon die reden. Wurde dann mündlich eine Drei minus. Schon komisch: Sport war mein schlechtestes Abifach.

teleschau: Sie gehören zu den Profifußballern mit Einser-Abitur.

Helmer: Durchschnitt 1,8. Ich war auch erstaunt.

teleschau: Seit August 2015 moderieren Sie nun den "Doppelpass". Mal einfach gefragt: Wann ist für Sie ein "Doppelpass" ein guter "Doppelpass" gewesen?

Helmer: Klare Antwort: Wenn meine Mutter sagt, "es war schön heute", kann die Sendung nicht so schlecht gewesen sein. Sie ist mittlerweile 81, schaut jede Ausgabe, und sie erkennt sofort, wenn ich nicht so gut drauf war.

teleschau: Wie viel Information ist wichtig und wie viel Unterhaltung nötig bei so einem Format am Sonntagmorgen?

Helmer: Das ist tatsächlich eine wichtige Frage. Es ist ein schmaler Grat. Wir versuchen hier mit der Redaktion immer das richtige Maß zu finden. Unterhaltendes soll und muss sein, es gibt allerdings eine ganze Reihe von Themen wie die 50+1-Regel oder den Videobeweis, die sind zwar eher etwas trocken und kompliziert, müssen aber verständlich aufbereitet werden.

teleschau: Wenn Sie sich zurückerinnern an Ihre Karriere als Fußballer - was war Ihr schönstes Erlebnis? Die Europameisterschaft 1996?

Helmer: Sicher war es das, was mich am meisten geprägt hat. Wie wir uns als Team gequält und gefunden haben. Viele waren verletzt, auch ich selbst. Sieben Stunden vor dem Finale sah es so aus, als könnte ich nicht spielen. Ich hatte eine schwere Knieverletzung. Unser Arzt Müller-Wohlfahrt hat sich gekümmert, und es war klar: Entweder spiele ich nach dem Finale nie wieder, weil mir der Muskel um die Ohren fliegt, oder es geht gut. Und es ging gut. So etwas prägt dich.

teleschau: 1999 dann, im letzten Jahr bei den Bayern, saßen Sie im legendären Champions-League-Finale gegen Manchester United 90 Minuten auf der Bank. Die Bayern führten bis vier Minuten vor Schluss 1:0 und verloren doch noch 1:2. Der schlimmste Moment Ihrer Karriere?

Helmer: Vergessen Sie das Phantomtor nicht. Aber ja - es war einer der bittersten Momente, an die ich mich erinnern kann. Weniger für mich persönlich als natürlich für den gesamten Verein. Ich wusste damals, dass unser Trainer Ottmar Hitzfeld mich nie mehr in der Champions League würde spielen lassen, nachdem ich in der Vorrunde ein Eigentor gegen Bröndby Kopenhagen gemacht hatte. Keine Minute durfte ich mehr ran! Und dann stand Manchester plötzlich zum Schluss mit vier Stürmern auf dem Platz. Hitzfeld wechselte Thorsten Fink für Lothar Matthäus ein, was damals ein üblicher Wechsel bei uns war. Trotzdem: Ich wäre für einen kopfballstarken Spieler gewesen.

teleschau: Also für Thomas Helmer.

Helmer: Ja klar.

teleschau: Und dann haben Sie den Stinkefinger gezeigt ...

Helmer: Ja. Es war für mich schon eine sehr prägende Zeit. Übrigens habe ich mit Ottmar Hitzfeld wieder ein gutes Verhältnis.

teleschau: So ein Ausraster wirkt eher untypisch für Sie. Denken Sie manchmal daran, wenn heute mal ein Spieler über die Stränge schlägt?

Helmer: Das kommt heute wirklich selten vor. Allerdings: Es gibt schon Situationen, bei denen wir auch in der Redaktion über das Verhalten von dem einen oder anderen Spieler diskutieren. Und da schlage ich mich häufig auf dessen Seite. Ich fände es auch wirklich gut, wenn die Spieler häufiger mal ehrlich sein dürften bei Interviews: Wenn du zu Hause gegen den Tabellenletzten verlierst, würde ich gerne das Eingeständnis hören, dass die Mannschaft einfach nur Grütze gespielt hat.

teleschau: Wären Sie lieber früher Journalist gewesen?

Helmer: Schöner war es in gewisser Hinsicht schon. Wir Spieler waren damals so clever, dass wir die Journalisten einfach mitgenommen haben, wenn wir heimlich irgendwo hingegangen sind (lächelt). Dann schrieben sie auch nichts über unsere Ausflüge. Es war sicher ein anderes Miteinander früher. Heute, da jeder mit Handykamera ausgerüstet ist, funktioniert das sowieso alles nicht mehr. Und bei den Medien geht es nur noch um Tempo. Jeder haut Gerüchte sofort raus.

teleschau: Es gibt nicht viele erfolgreiche Spieler aus Ihrer Generation, die später tatsächlich in Vereinen Verantwortung übernommen haben. Woran liegt das?

Helmer: Wenn Sie so fragen: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das die Vereine wirklich wollen. Wenn wir einsteigen, würden wir natürlich auch gewisse Entscheidungsrechte fordern. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Generation, die jetzt noch teilweise am Ruder ist, diese Kompetenzen schon abzugeben bereit ist. Aber tatsächlich müssten wir sicher auch noch lernen, was heute schwieriger ist, weil man gleich im Blickfeld der Öffentlichkeit steht. Nehmen Sie zum Beispiel Rudi Völler. Er konnte damals bei Reiner Calmund das Geschäft von der Pike auf lernen.

teleschau: Trainer wollten Sie nie werden. Aber hat Sie ein Job bei einem Verein nie interessiert? Für ein verantwortungsvolles Amt bei den Bayern zum Beispiel brächten Sie einiges mit.

Helmer: Ich denke, ich bin jetzt schon zu lange auf der anderen Seite. Im Übrigen: Als ich meine Frau heiratete, war klar, dass unser Lebensmittelpunkt Hamburg sein würde.

teleschau: Apropos: Ihre Frau erzählte mal in einem Interview, dass Sie Ihre Meisterschale aufs Klo verbannt hat.

Helmer: Das stimmt, sie wollte sie sonst nirgendwo in der Wohnung haben. Das war noch in unserer alten Wohnung.

teleschau: Und heute?

Helmer: Gute Frage. Keine Ahnung, wo die Schale ist. Ich frag mal schnell meine Frau ... (Helmer fragt im Hintergrund nach, d. Red) Hier bin ich wieder: Sie hat sie entsorgt! Sagt sie ...

teleschau: Die Meisterschale? Entsorgt?

Helmer: Naja, es war selbstverständlich ein Duplikat, wenngleich ein wertvolles. 2000 Mark hat dieses Exemplar gekostet. Markus Babbel hat es damals besorgt.

teleschau: Trotzdem ... so was wirft man doch nicht einfach weg.

Helmer: So recht will ich es ihr auch nicht glauben. Ich frag in einer ruhigen Minute noch einmal bei ihr nach. Doch erst mal schaue ich auf den Dachboden ...

Kai-Oliver Derks

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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