Kino / Portraits

"Die Stigmatisierung von Nationen ist der größte Bullshit!"

Enissa Amani bekommt als erste deutsche Comedienne eine Netflix-Show

Vor knapp fünf Jahren von Stefan Raab entdeckt, gelang Enissa Amani ein erstaunlicher Durchmarsch: Durch Auftritte in TV und Kino witzelte sich die Deutsch-Iranerin in die Herzen der Zuschauer, räumte den Deutschen Comedy-Preis ab - und erhielt schließlich mit "Studio Amani" auf ProSieben eine eigene Fernsehshow. Knapp zwei Jahre später meldet sich die Deutsch-Iranerin reifer, witziger und erfolgreicher denn je zurück: Als erste deutsche Comedienne zeigt die 32-Jährige ab 26. April ein Comedy-Special bei Netflix; aufgezeichnet als Stand-Up-Show unter dem Titel "Ehrenwort" im Hamburger St. Pauli Theater. Welche Freiheiten der Streamingdienst ihr dabei gönnte, was der frühe Erfolg in ihr auslöste und wie es sich als junge, attraktive Frau im Entertainment-Geschäft lebt, das verrät Enissa Amani im Gespräch.

teleschau: Wenn Netflix anfragt, dann ist das eigentlich ein unwiderstehliches Angebot, oder?

Enissa Amani: Ja! Netflix ist im Moment für uns Comedians die Business-Karte. Das öffnet mir viele Türen, gerade auch, weil ich derzeit viel auf Englisch spiele. Es war mir natürlich bewusst, dass Netflix derzeit den coolsten, modernsten Stempel hat. Das war nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine geschäftliche Entscheidung: Das ist die Plattform, auf der ich gerade stattfinden will.

teleschau: Eine Fortsetzung wünschen Sie sich also?

Amani: Das wäre unfassbar toll, wenn es ein zweites Special geben könnte, vielleicht sogar etwas kleines auf Englisch.

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teleschau: Mit zwei ProSieben-Sendungen hatten Sie es zuvor bereits schon im Privatfernsehen probiert, daneben Hunderte Shows - können Sie dem Aufstieg noch folgen?

Amani: Ich bin ja damals mit wahnsinnigem Speed vorangekommen - vom ersten Auftritt bei der offenen Bühne in einem Café in Köln bis zur Einladung bei Stefan Raab sind gerade einmal viereinhalb Monate vergangen. Bis zur eigenen TV-Show waren es dann noch mal zwei Jahre. Die letzten vier Jahre kommen mir vor wie 20!

teleschau: Hat sich Ihr Leben dadurch nicht enorm verändert?

Amani: Gar nicht so sehr. Klar: Finanziell bin ich als Mädchen, dass immer im Dispo war, heute besser dran. Aber ich wohne immer noch in der gleichen Wohnung. Das hab ich auch gar nicht eingesehen. Warum sollte ich umziehen? - Ich habe ja keine vier Kinder bekommen (lacht). Vielmehr geändert hat sich mein Bild, meine Wahrnehmung der Welt. Auch mein Umfeld - plötzlich bin ich in einem ganz anderen Beruf, mein Alltag ist ein völlig anderer. Am wichtigsten ist, dass ich in meiner Kunst riesige Wachstumsschritte gemacht habe. Zudem weiß ich jede Menge übers Produzieren, Regie, Postproduction, Soundediting.

teleschau: Sie mussten ja das Geschäft erst richtig kennenlernen ...

Amani: Ja, ich musste auch erst einen Geschäftssinn entwickeln; ich komme aus einer sehr intellektuellen Familie mit sehr wenig Geld. Ich habe einen Onkel, der einen Kiosk in Hannover hat - der hatte bei uns vorher immer den krassesten Geschäftssinn (lacht). Das musste ich in kürzester Zeit in einem Becken voller Wölfe lernen.

teleschau: Für Ihre ersten beiden TV-Versuche wurden Sie von mancher Seite kritisiert.

Amani: Jetzt, nach anderthalb Jahren, schaue ich mir das an und denke: Was habe ich mir da reinlabern lassen? Aber klar: Ich selbst war damals noch eine andere. Selbst die Kritiker sagten: Live ist die authentisch, witzig und cool - das kommt nur in der Fernsehgeschichte nicht so rüber. Mit Netflix hatte ich jetzt die Chance - einfach weil es Bühne ist.

teleschau: Gab es denn von Netflix Vorgaben?

Amani: Nein, Netflix fährt diese Artist-first-Philosophie. Die sind clever und sagen: Warum sollen wir reinquatschen, der Künstler weiß schon, was er am besten kann. Ich habe auch gefragt: Habt ihr irgendwelche Vorstellungen? Wie das Theater sein soll etwa? - Die meinten nur: "Du entscheidest."

teleschau: Die völlige Freiheit - ein Traum eigentlich.

Amani: Ich war damit sogar überfordert! Es wäre mir fast lieber gewesen, sie hätten sich etwas für mich vorgestellt (lacht). Es gab nur technische Qualitätsvorgaben. Alles andere lief nach dem Motto: Wie du dich wohlfühlst! Ich habe bis zur letzten Glühbirne alles selbst ausgesucht! Die sind da sehr zeitgeistig und klug.

teleschau: Hat Netflix durchblicken lassen, warum man Sie als erste deutschsprachige Comedienne ausgewählt hat?

Amani: Na, die meinten, ich sei die Krasseste (lacht)! Nein, alles was ich jetzt sagen würde, wäre stinkendes Eigenlob. Netflix ist zum Beispiel relativ egal, wer welche Ticketsales in Deutschland hat. Es geht eher um: Was passt zu uns? Sicher gibt es hierzulande Comedians, die auf größerer Ebene spielen.

teleschau: Wie ist denn Ihr Publikum so?

Amani: Ich glaube, ich besitze eine große Überzeugungskraft für Menschen, die mich vorher nicht kannten oder kritisiert haben. Das höre ich nach Shows oft: "Hätte ich nicht gedacht!" Live habe ich eine Gabe, die man im TV nicht einzustufen weiß. Insgesamt ist mein Publikum mehrheitlich deutsch-deutsch, also ohne Migarationshintergrund. Es sind vielleicht 20 bis 30 Prozent. Diese Mischung mag ich.

teleschau: Sie überzeugen auch auf Englisch, bei Shows in den USA - und treffen da auf die ganz Großen ...

Amani: Ja, manchmal fühle ich mich wie ein Basketballer, der auf Michael Jordan trifft! Wenn ich mit Dave Chapelle arbeite, dann ist das jemand, der ein Riesenvorbild ist.

teleschau: Schauen Sie selbst viel Comedy?

Amani: Ich bin da nicht so ein Nerd. Viele Kollegen schauen sich ja alles an. Ich kenne vieles nicht. Das ist aber keine Ignoranz. Im Gegenteil: Manchmal sitz ich bei Aufzeichnungen oder Kabarettshows und jemand tritt auf und ich sage: "Der ist großartig! Kann den mal jemand signen?" Dann höre ich meist: "Enissa, das ist Volker Pispers" (lacht). Mit den amerikanischen Kollegen ist es ähnlich. Das lässt mich auf der Bühne vielleicht auch ein wenig freier agieren.

teleschau: Bisweilen werden Sie dennoch sofort in Kategorien eingeordnet, etwa "Ethno-Comedy" und so weiter. Stört Sie das?

Amani: Grundsätzlich ist diese Labelisierung schon ein Problem. Ich bin da allerdings nicht so streng. Denn es ist ja auch so: Ich bin jemand, der auch noch eine andere Herkunft in sich trägt. Und dann passiert es, dass ich das thematisiere. Ebenso wie mein Deutschsein in Amerika - da spreche ich von mir nur als Deutsche; im Ausland bin ich "The German Girl". Das feiere ich auch hart. Deshalb macht es mir auch nicht viel aus, wenn ich hier "The Ethno Girl" bin (lacht). Außer, es geschieht herablassend, was in den letzten Jahren durchaus passiert ist. Im Sinne von: "Ach, die Kanaken und ihre Comedy ..." - oder: "diese Ölaugen". Da gibt es auch latenten Rassismus. Die Zuschauer sind da sehr offen, aber in der Branche gibt es natürlich Ellbogen.

teleschau: In den Live-Shows thematisieren Sie auch oft die Herkunft des Publikums. Es geht viel um andere Ethnien und Nationen. Lassen sich manche provozieren?

Amani: Klar. Einmal forderte ich Frieden für alle Menschen - da hieß es dann: "Hast du was gegen Tiere?" Daraus wurde der Witz "Enissa Amani schlachtet Robben" geboren. Aber im Ernst: Durch die vermehrte Öffentlichkeit kann ich nicht einfach "Freiheit für Syrien" schreiben, ohne dass jemand drunter schreibt, was denn mit Walen, Schwulen und Tibet sei. Dagegen kann ich nichts machen. Solange die Masse versteht, was ich in Wirklichkeit meine: Die Stigmatisierung von Nationen ist der größte Bullshit!

teleschau: Sie selbst sind iranischer Herkunft. Ist es für Sie ein besonderes Anliegen, wenn wie kürzlich das Volk im Iran auf die Straße geht?

Amani: Ja. Alles, was in Deutschland und im Iran passiert, geht mir klar näher. Ich bin Weltbürgerin - aber dazu habe ich den größten Bezug. Zum Iran nicht ganz so stark, weil ich dort erst zwei-, dreimal war. Aber ich freue mich über die aktuelle Bewegung: dass viele Frauen sehr mutig auf die Straße gehen. Gleichzeitig ist mir wichtig, die Diktatur im Iran nicht als rein islamisches Problem anzusehen. Es ist ein Diktaturregime, wie es das schon in christlichen Ländern gab. Ich finde es gut, zu diesen Themen kleine Denkanstöße zu liefern. Gerade als Frau. Auch wenn mir manche nur wegen des neuen Kleidchens followen - und viele es für Schrott halten, erst was politisches und dann die neuen Halbschuhe zu posten. Das stimmt, das ist unsere Generation. Die Aufmerksamkeitsspanne ist sehr kurz.

teleschau: Sehen Sie sich in gewisser Weise auch als Vorbild?

Amani: Vielleicht sitzt da ein elfjähriges Mädchen und sieht, dass ich was über Syrien poste. Vielleicht wird die ja irgendwann eine Politikerin!

teleschau: Gilt das auch für ihr Dasein als junge Frau in einer Männerwelt - Stichwort MeToo?

Amani: Ich hatte das Problem nicht - Gott sei Dank. Ich bin von meiner Mutter, einer Feministin, so erzogen worden, dass ich wohl gar nicht erst in so eine Lage komme. Bin mit wenig Unterdrückung in Freiheit aufgewachsen. Ich weiß aber, dass es integere Frauen gibt, die in solchen Situationen waren. Noch immer werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts von Männern dominiert. Ich finde es gut, dass es jetzt diese Bewegung gibt. Dass Frauen aufstehen und sagen: "Jetzt reicht's aber! Seit Jahrhunderten, Jahrtausenden und immer noch kriegen wir nicht die gleiche Kohle, den gleichen Respekt, werden ausgenutzt." Und wenn ich eine von den Frauen sein darf, die zeigt, dass es auch anders geht: Ich kam von unten, hatte nichts, und musste mich nie verändern oder meine Moral über Bord werfen. Das, was ich geschafft habe, hätte ich selbst nie gedacht. Vor zehn Jahren wäre ich eine von denen gewesen, die sagt: "Der hat doch jemand geholfen!". Doch, es geht!

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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