Musik / Backstage

"Ich fühlte die Hölle der Jugend"

Stone Sour veröffentlichen am 30. Juni "Hydrograd"

Corey Taylor (43) ist polternder Metal-Musiker und lebenserfahrener Autor. Maskenmann bei Slipknot und offenherziger Frontmann bei Stone Sour, deren sechstes Album "Hydrograd" (ab 30. Juni) in den Startlöchern steht. Er hat einiges durchgemacht und spricht offen darüber. Im Gespräch scheut sich der Rocker auch nicht davor, klarzumachen, worin die eigentliche Aufgabe auf seiner jetzigen Stufe des Lebens besteht.

teleschau: Herr Taylor, würden Sie uns mitteilen, wo "Hydrograd" liegt? Wir konnten den Ort auf keiner Landkarte finden.

Corey Taylor: Der Titel ist genauso seltsam wie die Geschichte, welche dahintersteckt. Es war vor ungefähr acht Jahren: Ich rannte durch einen Flughafen irgendwo in Osteuropa und versuchte, mein Abflug-Gate zu finden. Ich schaute auf eines dieser Informationsschilder, und mein Gehirn sah "Hydrograd".

teleschau: Aber das stand dort gar nicht?

Taylor: Nein. Da stand irgendwas, das nicht mal annähernd so klang. Aber ich dachte "Eigentlich ein cooler Name". Ich trug ihn über all die Jahre mit mir rum, bis ich für das neue Album einen Song schrieb, der einen coolen Vibe hatte, und ich nannte ihn "Hydrograd". Dann auch das ganze Album. Es bedeutet nicht wirklich etwas.

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teleschau: Dann dürfen wir davon ausgehen, dass auch das Cover keinerlei politische Motivation hat?

Taylor: Absolut nicht. Die russischen Worte auf dem Cover sind Songtexte, die wir übersetzen ließen. Und das Artwork selbst ist nicht offenkundig russisch, sondern eher im Stil der Propaganda-Plakate aus den 30-ern und 40-ern gehalten. Sehr stilisiert.

teleschau: Die sperrig-harte erste Single "Fabuless" und auch der kryptische Album-Trailer lassen den Eindruck entstehen, dass Stone Sour diesmal bewusst eine "Gegenposition" zu den glattgebügelten Marketingplan-Produktionen einzunehmen versuchten.

Taylor: Alles an diesem Album sollte - vielleicht unbewusst - das Gegenteil von dem sein, was heutzutage jeder macht. Bis hin zu der Art, wie wir aufgenommen haben: Live im Studio, natürlich, anstelle von Perfektion und Technik. Es fühlt sich wie eine menschliche Band an. Wir hauchen der Musik Leben und Seele, Blut und Herz neu ein.

teleschau: Ganz nach dem Motto "No Risk, No Fun"?

Taylor: Yeah. Warum immer die sichere Schiene fahren? Hey, vergiss es. Du willst gewinnen? Riskiere alles! Das ist es.

teleschau: Die Platte klingt auch so, als ob sie aus vielen unterschiedlichen Einflüssen entstand?

Taylor: Nun, sagen wir es so: Diesmal - warum auch immer - zeigen wir offensichtlicher, woher wir kommen, mit welchen Sachen wir aufwuchsen. Im Grunde wollten wir, dass sich dieses Album wie eine großartige Rock-Playlist anfühlt, die du als Mixtape oder selbstgebrannte CD zusammenstellst und immer wieder hören kannst.

teleschau: "St. Marie" sticht als Exot mit Country-Einschlag heraus. Woher kommt dieser?

Taylor: Ich wuchs in Iowa auf, war also immer von dieser Art Musik umgeben. Ich wurde nicht mit allem warm, aber ich mochte bestimmte Arten von Country, welche diese melancholische Note hatten. Beispielsweise die Country-artigen Sachen von Elvis oder Johnny Cash oder George Jones.

teleschau: Ihre Kindheit und Jugend waren nicht einfach. Zeilen wie "I was dead at 17" im Song "Mercy" wirken autobiografisch. Richtig?

Taylor: Ein bisschen schon, ja. Ich habe früher schon darüber gesprochen: Meine Kindheit war nicht besonders gut. Ich hatte definitiv diese Momente, in denen ich die Hölle fühlte, welche die Jugend bedeuten kann. Aber es gab immer auch diesen Teil in mir, der wusste, dass ich nicht aufgeben konnte. Nie. Das war dieser Teil, der mir sagte, dass ich zu etwas bestimmt war.

teleschau: Schlussendlich also ein positiver Tenor.

Taylor: Ich denke, dies ist ein Song, den die Kids heutzutage hören sollten. Sie verstehen ihn. Zu viele Leute sagen zu schnell: "Alles ist gut". Scheiß drauf! Schau doch, wie hart es überall dort draußen ist. Wenn du das anerkennst, kannst du auch begreifen, dass du da durchkommen kannst. Es bin ich, der darüber erzählt, wie er durch dies alles ging und dadurch stärker wurde. Es bin ich, der noch ein Stückchen mehr mit den Hörern teilt.

teleschau: Sie haben selbst drei Kinder. Auch im Teenager-Alter. Wie wichtig ist Ihnen die Familie?

Taylor: Sehr wichtig. Alles, was ich tue, ist eine Reaktion auf mein Dasein als Vater und Ehemann. Ich wuchs in einem sehr ungebändigten, chaotischen Haushalt auf. Damals beschloss ein Teil von mir: "Ich werde meine Kinder niemals so etwas durchmachen lassen". Einer der Gründe, warum ich so hart arbeite, ist, dass ich damit meinen Haushalt unerschütterlich mache. Meine Kids müssen sich keine Sorgen um Essen und Kleidung machen, oder darum, wo sie leben. Sie können einfach leben. Und fröhlich sein.

teleschau: Sie arbeiten nicht nur als Musiker. Sondern auch als Autor und haben bereits drei Romane veröffentlicht. Gibt es eine Wechselwirkung zwischen den beiden Disziplinen?

Taylor: Oftmals laufen die Dinge jedenfalls parallel. Mein letztes Buch "You making me hate you" schrieb ich, während ich mit Slipknot ".5: The Grey Chapter" aufnahm. Das neue Buch "America 51", während wir das Album aufnahmen, über das wir gerade sprechen. In einer gewissen Weise hat mich die Wut, die Angst, welche in dieses Buch geflossen sind, positiver mit "Hydrograd" umgehen lassen. Es hat seine ernsten Momente, aber es fühlt sich nicht dunkel an. Es ist unterhaltsam, nicht deprimierend.

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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