Musik / Backstage

Alles nicht normal

Alice Cooper veröffentlicht am 28.7. "Paranormal"

Im Interview-Zimmer des Berliner Nobelhotels wirkt so gar nichts abnormal: In der Ecke steht ein Werbebanner für Alice Coopers neues Album "Paranormal" (ab 28. Juli), keine Guillotine. An der Garderobe hängt keine Zwangsjacke, auf der Bar steht kein Absinth. "Härter wird es nicht", meint Cooper (69) und schenkt sich eine kalorienreduzierte Cola ein. Von Drogen und Alkohol hält sich der Altmeister des Grusel-Rock schon lange fern. Die Sucht nach den guten alten Zeiten drückt sich einzig musikalisch aus. Ein Gespräch über Classic Rock, das Schauspieltalent von Riesenschlangen und natürlich Paranormalitäten.

Bereits vor dem offiziellen Gesprächsbeginn wischt Alice Cooper ein anderes Thema vom Tisch: "Rock'n'Roll sollte das Unpolitischste sein, was es auf der Welt gibt." Zu musikalischen Großveranstaltungen dagegen äußert sich der dreifache Vater ausführlich. Mit seiner Allstar-Band Hollywood Vampires trat er bei den Grammys auf. "Wir stehen hinter der Bühne, und Johnny Depp ist etwas nervös. Obwohl er ein Hammer-Gitarrist ist", erzählt Cooper, der in seiner Karriere selbst zweimal für den Musikpreis nominiert war. Natürlich trieb er seinen Bandkollegen an, der Auftritt wird großartig, das Publikum und selbst "die Bruno Mars' und Taylor Swifts" feierten ab. Kein Wunder: "Wir waren der einzige Rock-Act", stellt Cooper fest, um sich gleich darauf zu fragen: "Scheiße, was geht in diesem Musikbusiness ab? Die ganzen jungen Bands, die einfach 'Outlaws' sein wollen, die gibt es kaum noch."

Alice Cooper, der wie viele andere Kollegen aus dem Classic Rock seit einigen Jahren wieder verstärkt Aufmerksamkeit bekommt, gerät weiter ins Grübeln: "Warum sind die jungen Bands von heute so blutleer? Wann haben wir den Funken des Rock'n'Roll verloren?" Natürlich gebe es dort draußen auch einige gute neue Gruppen, aber er frage sich schon, warum heutzutage alle so introvertiert seien. Er beendet seine Reflexion mit einer mutigen These: "Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren eine Reihe an jungen Bands sehen werden, die dorthin zurückkehren, wo Mötley Crüe und Guns N'Roses waren. Viele Haare, viel Spandex, viel Show, viele gute Songs. Diese Zeit hat einfach zu viel Spaß gemacht, um nicht wiederbelebt zu werden." Diese Bands seien richtige Rockstars gewesen. "Und plötzlich kam der Grunge. Und alles war Flanell."

"Paranormal" geht musikalisch noch einen Schritt weiter zurück, bis in die Zeit der originalen Alice-Cooper-Besetzung, mit der er zwei Stücke für das Album aufnahm: "Ich sagte den Jungs: 'Ich will, dass ihr das so einspielt, wie wir es damals gewohnt waren. In einem Raum. Und ich singe dazu'", erklärt der passionierte Golfspieler. "Und plötzlich war er wieder da, dieser einzig wahre Sound. Ich war so froh, ihn wiederzubekommen." Wobei Glen Buxton, der 1997 starb, schmerzlich vermisst wird. "Er war unser Syd Barrett. Er kann nicht ersetzt werden", so der nachdenkliche Kommentar zum Originalgitarristen der Band.

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Es sind die frühen 70-er, in die Alice Cooper stärker noch als auf den Vorgängeralben eintaucht. Den Spirit dieser Zeit werde er nie ablegen können, mutmaßt er, und erklärt direkt, warum das gar keine schlechte Eigenschaft ist: "Diese Art der Rockmusik wird für immer weiterleben." Er schwärmt geradezu von diesen Zeiten, in denen aus der Asche der späten 60-er Kunstformen erwuchsen, in dessen Tradition "Paranormal" steht. Und schlägt dann den Bogen zum Titel des Albums: Jede Figur in jedem Song sei einfach ein bisschen abnormal. Jeder Song erzähle seine eigene, etwas verdrehte Geschichte. Es gehe also nicht um UFOs oder ähnliche Phänomene. Sondern eher um "psychologische Paranormalitäten".

Einen großen Anteil daran, dass die Titel trotz aller Unterschiedlichkeit zusammenpassen, hat Cooper zufolge der U2-Schlagzeuger Larry Mullen Jr.: "Alles klingt dadurch anders. Alleine das ist doch paranormal", so die Feststellung. Cooper, der mit bürgerlichem Namen Vincent Damon Furnier heißt, ist die Freude anzumerken, als er erzählt: "Ich sagte: 'Ich will nicht, dass du auf ein, zwei Songs spielst. Ich will, dass du das ganze Album interpretierst', und Mullen antwortete: 'Lass mich die Texte sehen'. Welcher Schlagzeuger will schon die Texte sehen? Das war echt cool."

Auch Roger Glover (Deep Purple) und Billy Gibbons (ZZ Top) sind auf "Paranormal" mit von der Partie. Von ganz anderer Natur dagegen ist der Stargast, welcher seit eh und je die Bühne mit Alice Cooper teilt: Eine Riesenschlange gehört zum Meister des gepflegten Grusel-Rock wie die Krone zum König. Dabei hatte bislang auch jede ihren eigenen Kopf: "Manche von ihnen sind eher introvertiert, die Bühne ist für sie eine seltsame Umgebung", erklärt der Reptilienversteher. "Andere sind absolut theatralisch. Diejenige, die ich momentan habe, ist eine kleine Schauspielerin. Wir gehen auf die Bühne, sie küsst mich sofort, schlängelt sich um meinen Kopf. Nach der Show bringe ich sie zurück. Und sie ist still. Sie wartet auf den nächsten Abend und darauf, dass sie wieder ein Star sein kann."

Und selbst eine Schlange im Ruhestand darf ab und zu bei ihrem Herrchen verweilen: "Die größte Schlange, die ich hatte, war Yvonne", erklärt Cooper fast liebevoll. "Sie wurde irgendwann zu schwer für die Bühne, wog sechzig Pfund. Aber sie durfte sich im Hotelzimmer frei bewegen. Ich ließ Wasser in die Wanne ein, sodass sie ein Bad nehmen konnte. Als wir schliefen, lag ihr Kopf einmal bei mir. Sie konnte meinen Herzschlag spüren und fühlte sich damit sicher. Ich wachte auf und begrüßte sie mit den Worten 'Hey Yvonne, wie geht es Dir?'" Normal ist das nicht ...

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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