Musik / Backstage

"Für eine Stunde geile Gefühle"

veröffentlichen ihr Comeback-Album "Flash"

Als das erste Album "Sillium" (1998) von Fünf Sterne deluxe das Licht der Plattenwelt erblickte, hatten die Menschen noch Angst vor der digitalen Apokalypse und davor, dass die Computer versagen, sobald ihre Kalender auf die Zahl 2000 umspringen müssen. Dabei waren Tobi Tobsen und Das Bo schon über zehn Jahre lang musikalisch unterwegs, bevor sie mit Hits wie "Willst du mit mir geh'n?" und "Ja, Ja ... Deine Mudder!" den Durchbruch schafften. Warum ihr erstes gemeinsames Album seit 17 Jahren trotzdem kein Comeback ist, was Höhlenmenschen mit dem Albumtitel zu tun haben und wie ihre Pioniersarbeit aussah, erzählen die HipHop-Veteranen im Interview zu "Flash".

teleschau: Auf dem Track "MS" heißt es: "Nenn es bitte kein Comeback"! Wie soll man das erste reguläre Fünf-Sterne-deluxe-Album seit 17 Jahren dann nennen?

Tobi Tobsen: Wir haben gesagt, wir machen einfach weiter.

Das Bo: Dem Begriff haftet einfach etwas Schlechtes an. Als ob wir es noch mal versuchen würden. Das ist ja kein Versuch. Wir haben ein richtig derbes Album und machen weiter. Wir haben Mitte der 90-er als Der Tobi & das Bo angefangen und haben bis 2003 oder 2004 aufeinander gehangen. Und wir sind sehr individuelle Typen. Nach zehn Jahren Zusammensein war da ein normaler Drang, sich selbst zu entfalten. Kein Clinch, kein Krach, jeder hat sein Leben geführt. Irgendwann haben wir dann eine Show auf einer Trabrennbahn gespielt, was als einmalige Sache geplant war, aber wir haben geile Feelings gehabt und hatten auch schon ein paar Tage im Studio rumgehangen. Wir haben gemerkt, dass da ein Vibe ist.

Tobi: Wir hatten nie das Gefühl, dass wir aufgehört hätten. Als wir wieder im Studio waren, hat sich das angefühlt, als hätten wir nur kurz eine Pause gemacht.

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teleschau: Dann macht Ihr jetzt weiter, aber bringt den "Flash" zurück. Was ist der "Flash" eigentlich?

Das Bo: Vor allem ein sehr intensives, positives Gefühl.

Tobi: Es ist die treibende Kraft der Menschheit.

Das Bo: In einer kalten Höhle sitzt jemand mit Holz und reibt, reibt, reibt, bis Qualm kommt, dann Feuer und plötzlich: Flash! Ob er genau das Wort gesagt hat oder etwas Unverständliches gegrölt hat, wissen wir nicht, aber das ist die Sache, die das alles antreibt. Eine Evolution, ein Freiheitsgefühl, eine Überraschung. Einfach etwas zulassen, dass einen flasht. Heute ist alles voller Ellenbogen und Hierarchien. Da wird eher zugemacht und nichts zugelassen. Wir als Crew waren immer offen und wollten Unbekanntes entdecken und erfühlen.

teleschau: Wie entwickelte sich die Arbeit an "Flash"?

Tobi: Wir waren 2013 für die ersten Sessions im Studio und haben einfach an Musik gearbeitet - gar nicht mit der Absicht, ein Album zu machen, und mit Abständen von teilweise zwei Monaten. Im vergangenen Jahr haben wir dann angefangen, intensiv daran zu arbeiten.

Das Bo: Das war auch ein Flash, da zusammen zu sitzen, und jeder konnte frei etwas in den Topf schmeißen. Wir haben bis zu vier Skizzen am Tag gesammelt und nicht darüber nachgedacht, was wir brauchen. Die alte Fünf-Sterne-Gehirnregion ist wieder angesprungen. Tobi hat ja immerhin zehn Jahre nichts mehr geschrieben.

Tobi: Wir haben jeden Tag mit der Suche nach Inspiration begonnen, uns Tracks vorgespielt oder Filmchen bei YouTube angeschaut. Wir hatten beispielsweise einen Flash bei einer Folge "Dr. Snuggels" und sind direkt ins Studio und haben produziert. Wir haben uns nicht vorher überlegt, was für ein Album wir machen wollen, sondern gleich alles umgesetzt, was in uns reingeflossen ist. Da waren natürlich auch Sachen dabei, wo man nach einer halben Stunde merkt, dass es das jetzt nicht wert war. Aber ganz vieles ist aus dem Wahnsinn entstanden, und wir haben es weitergeführt - klassisches Jammen.

teleschau: Ihr seid ja zusammen mit HipHop in Deutschland groß geworden. Fühlt Ihr Euch in dieser Szene denn überhaupt noch wohl und Euch damit verbunden?

Das Bo: Gibt es denn noch eine Szene? Früher war es eine Subkultur, und man war froh, wenn man Leute getroffen hat, die in derselben Nische abgehangen haben. Da war man auf Jams, das hatte einen familiären Charakter. Gerade auch in einem politischen Kontext. Eigentlich hätte HipHop die Macht, Wahlen mitzuentscheiden. Lass uns uns vereinen und alle Fans mitnehmen und Einfluss nehmen. Aber irgendwie sind alle in Crews gesplittet, und jeder will mehr machen und besser sein. Das ist in dem Sinne keine richtige Szene mehr. Jedes Subgenre hat wieder seine Szene, ob das eine Cloud-Rap- oder eine Golden-Era-Szene ist.

Tobi: Es gibt natürlich auch viel mehr Artists. In Hamburg in den 90-ern konntest du die an zwei Händen abzählen.

Das Bo: Das waren auch Leute, die nicht auf Erfolg oder Geld aus waren. Für mich war der erste Antrieb, etwas zusammen mit Freunden zu machen. Wir haben HipHop gehört und dann auch HipHop gemacht, damals 1991 auf Englisch. Zu unserer Zeit haben wir Pionierarbeit geleistet. Die ganzen großen Festivals haben keine HipHop-Künstler gehabt. Und schon gar nicht Deutsche. Wir waren eine der ersten Crews, die auf diesen Rock-Festivals gespielt haben. Da hatten dann von 10.000 Leuten vielleicht 800 Bock drauf, und der Rest war derbe genervt. Das hat sich auch alles geändert. Musikfans hören ja heute von allem ein bisschen.

teleschau: Aber gerade deshalb fragt man sich bei der Ankündigung zu einem neuen Fünf-Sterne-deluxe-Album, ob es das wirklich braucht und was Ihr noch hinzufügen könnt.

Tobi: Es ist ein komplett eigenständiger Sound, weil er sich nirgendwo einbiegt. Wenn du in aktuellen Rap reinhörst, kriegst du das Gefühl, dass die Beats sehr austauschbar sind, weil sie alle in einem Soundkonstrukt unterwegs sind. Wir wollten da von Anfang an nicht mitmachen, sondern eine eigene Definition finden. Kein Oldschool, kein Newschool, sondern sich aus allem bedienen.

Das Bo: Mit Tobis Produktionsskills kommen ja auch ein paar Sounds und Programmierungen, die Alleinstellungsmerkmal sind. Genau wie unsere Arbeitsweise. Wir wollten kein Retro-Album und auch keinen Futuresound, sondern das, was wir fühlen. Zwischendurch hätte es auch ein Weltmusik-Album werden können, weil wir abstrakte Samples aus allen Himmelsrichtungen benutzt haben. Wir haben uns - ich sage es einfach - geflasht.

teleschau: Und dieser Art des Humors in den Texten, wo auch mal ein Kalauer vorkommt? Wollt Ihr das 2017 noch sein, und glaubt Ihr, dass das noch jemand hören will?

Das Bo: Also auf das Sein kann man ganz klar antworten, dass wir so sind. Das ist keine Definitionsfrage. Ich glaube, es gibt auch ein paar Leute, die sogar sehnsüchtig darauf warten, dass wieder etwas Lockerheit reinkommt. Zwischen Anschlägen, Gewalt und Hass ist eigentlich nichts mehr witzig. Wir sind jetzt aber nicht Schwarzer-Block-mäßig unterwegs, so dass wir losziehen und Autos anzünden oder so politisch sind, dass wir in unserer Musik an die Front stellen. Natürlich haben wir privat unsere Meinungen, aber es ist wichtig, dass es mal wieder eine Insel gibt, auf der man runterkommen und atmen kann. "Flash" nimmt die Leute aus dem Wahnsinn mit. Ich bin eh Offliner, also ich habe kein Internet und kein Smartphone zu Hause. Bei Tobi saßen wir im Studio und hatten unsere Welt ,und da waren wir. Das packen wir auf eine Platte, und das kriegen die Leute mit nach Hause.

teleschau: Aber gerade von so erfahrenen Künstlern wie Euch könnte man ja auch mehr politische Position erwarten.

Das Bo: Es ist halt ein klassisches Fünf-Sterne-Album. "Flieg wie ein Engel" ist ja schon ziemlich deep. Und bei "Das Feeling ist sensational" gibt es ja auch eine Trump-Zeile. Es gibt immer Untertöne und kritische Spitzen. Wir können natürlich theoretisch in eine Talkshow gehen und über politische Themen reden, das ist aber nicht unser politischer Style.

teleschau: Zu sagen, dass es wieder mehr Positivität braucht, ist ja schon für sich ein Statement.

Das Bo: Es könnte sogar genau die richtige Zeit für dieses Album sein. Alle sind verwirrt und überfordert, und wir können für eine Stunde geile Gefühle machen.

Arne Lehrke

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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