Musik / Backstage

Ohne Nostalgie in die Zukunft

feiern 25 Jahre Bandgeschichte und veröffentlichen ihr neues Album "Die Unendlichkeit"

Es steht ihm gut: Dirk von Lowtzow gehört zu jener Spezies von Musikern, die das Älterwerden nicht peinlicher, sondern cooler wirken lässt. Schließlich gibt es nur cool und uncool und wie man sich fühlt: So schrie der nun fast ergraute Kopf der Band Tocotronic vor Jahren eine der berühmten Parolen. 25 Jahre ist es her, dass sich die Hamburger Band gründete, um den hiesigen Rock-Einheitsbrei aufzumischen. Diskursmusik, geprägt von den klugen, empathischen, ironischen Texten von Lowtzows, der auf dem Jubiläumsalbum "Die Unendlichkeit" (erscheint am 26. Januar) den intimen Blick auf die eigene Biografie wagt. Wie es dazu kam, erzählt der Leadsänger beim Gespräch über ein Vierteljahrhundert Tocotronic und die (Aus-)Brüche seines Lebens.

teleschau: Tocotronic haben das Private immer nur ironisch gebrochen verhandelt. Nun präsentieren Sie plötzlich ein autobiografisches Album. Wie kam das?

Dirk von Lowtzow: Es kristallisierte sich heraus, das alle Texte einen autobiografischen Hintergrund besaßen. Diesen Ansatz haben wir verfeinert; sind dieser Spur nachgegangen. Das war interessant - gerade weil es im Widerspruch steht zu dem, was wir die 15 Jahre davor gemacht haben.

teleschau: Andererseits thematisierten Tocotronic schon in ihrer Anfangsphase in zahlreichen "Ich"-Songs das eigene Leben ...

von Lowtzow: Unsere ersten drei bis vier Alben waren sehr mitteilungsfreudig, was unseren direkten Alltag und dessen Erleben anbelangte. Damals waren die Songs weniger autobiografisch, sondern vielmehr so etwas wie tagebuchartige Skizzen, die man schnell raushaut. In denen alles verhandelt werden musste. Vielleicht war das auch einem jugendlichen Mitteilungsbedürfnis und spätpubertierendem Narzissmus geschuldet.

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teleschau: Das änderte sich 1999 mit "K.O.O.K" ...

von Lowtzow: Ja. Davon sind wir dann abgekehrt. Zwar versuchten wir in unseren Liedern immer noch, etwas von uns preiszugeben. Doch wir suchten dafür den Umweg über Konstruktionen, Abstraktionen, Assoziationen und Theorien. Dennoch hatten die Stücke eine stark persönliche Note. Man benutzte ja eine Theorie, weil sie einen anging; weil man das Gefühl hatte, durch sie etwas über das eigene Leben gelernt zu haben - und dann haben wir sie rückübersetzt in Songs. Für eine Band eigentlich ein ungewöhnlicher Vorgang, aber uns hat es interessiert.

teleschau: Sind Sie, sind Tocotronic heute weniger theorieaffin?

von Lowtzow: Wir sind an einem anderen Punkt. Als Songwriter spürte ich, dass diese Theorien nicht mehr so stark zu mir sprechen. Daher fand ich es interessant, mich direkter, unverschlüsselter und einfacher auszudrücken. So bleibt es auch für einen selbst spannend. Mich überraschte es, wie so ein eigener Geschmack und ein eigenes Paradigma wechseln, wenn man merkt: Jetzt interessiert mich etwas ganz anderes als noch vor acht Jahren.

teleschau: Haben Sie sich innerlich erst dagegen gesträubt?

von Lowtzow: Es war kein innerer Kampf. Wenn man diese Tür einmal aufmacht, ist es auch ein unglaublich befreiender Prozess. Sich von diesem über die Jahre angesammelten Überbau, den ich ja immer eher beglückend als belastend empfand, zu lösen. Die Frage war: Wie ist es, wenn ich ganz direkt und unverfälscht darstellungsrealistisch über mich und mein Leben schreibe? Es war auch ein Experiment: Unser Diskurs hat sich gewandelt, vom soziologischen Überbau zum Ich.

teleschau: Ist das Album dadurch weniger politisch als sonst?

von Lowtzow: Im autobiografischen Schreiben wird man zum Ethnologen seiner selbst. Wenn man nun so eine Feldforschung betreibt, dann ist es hoffentlich mehr als nur eine Nabelschau oder ein Selbstporträt - oder ganz blöd auf Neudeutsch: ein Selfie. Man schafft auch das Porträt einer Gesellschaft, eines Landes und einer Zeit. Von der Kindheit bis in die Zukunft. Allein, dass es bei uns bis ins "Morgen" reicht, ist für mich schon ein politischer Moment. Damit ist es nicht nostalgisch oder verklärt.

teleschau: War es dennoch eine bewusste Entscheidung, weniger auf die politischen Veränderungen der letzten Jahre einzugehen?

von Lowtzow: Klar, in den zwei Jahren, an denen wir am Album arbeiteten, ist in der Welt unglaublich viel passiert. Dabei will ich gar nicht so auf die Flüchtlingskrise rekurrieren - das haben wir mit "Solidarität" vorweggenommen. Das interessiert uns schon lange, auch in unseren Kooperationen mit ProAsyl. Dass aber etwa Trump Präsident wird, konnte man nicht ahnen. Das Album war noch vor der Wahl fertig geschrieben. Die politischen Zeitläufe sind so unberechenbar und hysterisch geworden - es ist fast unmöglich, darauf zu reagieren, wenn man sich in einem normalen Produktionsprozess befindet. Als Musiker kannst du darauf nur reagieren und zu spät kommen. Und ich komm' nicht so gern zu spät. Ich finde es besser, zu früh zu sein.

teleschau: Tocotronic waren ihrer Zeit ja immer etwas voraus ...

von Lowtzow: Ja, als wir etwa 2010 das Album "Schall und Wahn" machten, mit diesen blutrünstigen Texten und der fiebrig-hysterischen Stimmung, war mir selbst nicht so klar, warum ich das so schrieb. Manche Dinge sammeln sich unterbewusst an. Damals begann gerade der Wandel hinsichtlich sozialer Medien - da war das Album ein Vorbote auf das, was noch kommen sollte. Hört man "Schall und Wahn" heute, merkt man, dass es genau so ist. Das ist natürlich interessanter, als im Nachhinein zu sagen, jetzt brauchen wir noch ein Stück über Trump und eins über die AfD.

teleschau: Alle wunderten sich 2017, dass viele die AfD wählten - die Band Tocotronic thematisiert rechte Tendenzen allerdings schon lange.

von Lowtzow: Propheten sind wir nicht. Vielleicht besitzen wir ein seismografisches Talent oder Antennen für derlei Dinge. Und natürlich trägt unsere Herkunft aus der linken Szene dazu bei, dass man einfach informiert ist. Dass man das seit der Wiedervereinigung wahrnimmt, dass sich speziell in Ostdeutschland, muss man leider sagen, eine gut ausgestattete rechte Szene aufbaut. Dass es Bestrebungen gibt, eine kulturelle Hegemonie herzustellen. Deshalb ist man sicher über eine AfD etwas weniger überrascht, wenn man seit Jahren Leute kennt, die das beobachten und bekämpfen. Zumal wir auch selbst Teil dieses Kampfes waren und sind.

teleschau: Hat sich Ihr Engagement als Band dahingehend verändert?

von Lowtzow: Man muss sich als Band immer vor Vereinnahmung schützen. Man ist eine Rockband, das soll deutungsoffen sein. In erster Linie sind wir Künstler und keine Politiker, und ich möchte auch keiner sein. Aber natürlich haben wir viele Kontakte zu Leuten, die aktivistisch unterwegs sind. Wir spielen nach wie vor Benefizkonzerte und unterstützen Demoaufrufe. Da gibt es nach wie vor eine große Solidarität mit diesen Kämpfen.

teleschau: Auf "Die Unendlichkeit" wird der Ausbruch des jungen Dirk von Lowtzow aus einem konservativen Umfeld in diese junge urbane Szene beschrieben. Wie schwer war es, sich in Ihr junges Ich hineinzuversetzen, ohne zu romantisieren?

von Lowtzow: Die Jugend ist auf einem autobiografischen Album natürlich ein entscheidender Teil der Prägung. Dass man sich selbst erfindet, auch in Abgrenzung zu anderen. Jeder, der Rock- und Pop-Fan ist, kennt genau dieses Gefühl. Die Bands sprechen zu mir und holen mich ab (lacht)! Ich hoffe, dass das nicht romantisiert ist, sondern sachlich genug. Ich habe eine große Allergie gegen Songs, die genau so eine Art von Nostalgie antriggern: Ach, weißt du noch damals, als wir Nirvana gehört haben, war das nicht toll? Genau so sollte es nicht sein. Andererseits erinnert man sich schon gerne zurück - und ich bin durchaus romantisch veranlagt. Nur nostalgisch bin ich nicht, das ist meine grundsätzliche Charakterdisposition. Ich hebe nichts auf, ich habe keine alten Fotos oder Briefe, kein privates Archiv meiner Selbst. Das war vielleicht ganz hilfreich, um nicht in so ein wohlig-nostalgisches Gefühl zu verfallen (lacht).

teleschau: Bei Ihnen wird ja auch eher die Abkehr von der "Schwarzwaldhölle" besungen.

von Lowtzow: Damals, kurz bevor ich nach Hamburg zog, las ich unglaublich viel Thomas Bernhard. Als wir dann als Band anfingen, mit Hassliedern über Freiburg etwa, wurden wir oft als musikalische Version von Bernhard bezeichnet. Und dieses Wort klingt wie so eine Bernhard'sche Wortschöpfung. Auch ihm wollte ich noch einen Tribut zollen. Und natürlich empfindet man es als Jugendlicher in der Provinz als Hölle, als Gefängnis.

teleschau: Welche autobiografischen Kontinuitäten und Brüche konnten Sie denn während der Arbeit am Album feststellen?

von Lowtzow: Um diese Frage zu beantworten, wurde dieses autobiografische Projekt ja begonnen. Der Übergang etwa vom jugendlichen Dirk zum Dirk, der 1993 nach Hamburg kam, ist ziemlich nahtlos. Es war mein Wunsch, Rockmusiker zu werden, und das hat sich ja glücklicherweise in Hamburg erfüllt, dadurch, dass ich Jan und Arne kennenlernte. Das war eine zufällige, oder wenn man daran glaubt: schicksalhafte Begegnung. Ab diesem Zeitpunkt ist man jemand, der in dieser Band spielt. Das wirkt als Identität natürlich stark auf den Alltag ein. Schließlich veröffentlichten wir seit 1995 kontinuierlich Alben, das bestimmt einen sehr.

teleschau: Auf "Die Unendlichkeit" verhandeln Sie dennoch auch viel Privates - etwa geht es im Stück "Unwiederbringlich" um den Tod eines Menschen.

von Lowtzow: Dieser Song war am schwersten zu schreiben, weil er vom Tod meines ältesten Jugendfreundes handelt. Auch Arne und Jan lernten ihn kennen, weil er in der Frühphase der Band als Fahrer, Tourmanager und Merchandiser mit uns unterwegs war. Er erkrankte dann relativ überraschend sehr früh - und starb schließlich. Ich war 24, 25, hatte mit der Band gerade angefangen und das sehr euphorisiert wahrgenommen - und gleichzeitig war da dieses Gefühl: Das Leben meines allerältesten Vertrauten geht zu Ende. Es war abzusehen, dass das so kommen würde.

teleschau: Zögerten Sie erst, den Song mit auf das Album zu nehmen?

von Lowtzow: Ich wollte ihn unbedingt integrieren. Wir taten uns aber ziemlich schwer. Ich hatte verschiedene Fassungen - Jan war dabei ein guter Lektor, was beim autobiografischen Schreiben sehr wichtig ist. Er war mit den Versionen unzufrieden, wir kämpften und rangen um jedes Wort. Es ist natürlich ein furchtbar trauriges Thema - man will, dass es stimmt und wahrhaftig ist. In dieser Zeit fuhr ich oft sechs oder sieben Stunden mit dem Zug von Hamburg nach Süddeutschland, in die Städte, in denen er gerade behandelt wurde. Damals gab es da keine Verbindung zur Außenwelt, nur dieses komische Bordtelefon mit Telefonkarte. Heute sitzen alle mit ihren Handys da, die im Zug so nerven (lacht). Hätte ich es damals gehabt, hätte ich mich aber ablenken oder auf dem Laufenden halten können. Im Song selbst ist es ein Hinweis auf das, was noch kommt - das ist ein spekulatives Element auf dem Album.

teleschau: Inwiefern spekulativ?

von Lowtzow: Im Sinne eines "Was wäre wenn" - oder: Vielleicht wäre ich auch anders geworden, wenn etwas anderes gewesen wäre. Oder auch: Was wird noch passieren? Hat die Vergangenheit Einfluss auf die Zukunft? Oder vielleicht sogar die Zukunft auf die Vergangenheit - vielleicht strahlt etwas aus der Zukunft herüber. Um eine Zeitkontinuität zu brechen, womit wir wieder beim Titel "Die Unendlichkeit" wären.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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