Musik / Backstage

"Wenn du 19 bist, hast du kein Leben"

veröffentlichen ihr neues Album "Walk Between Worlds"

Vor 40 Jahren gründete Jim Kerr, ein Glasgower Junge aus einfachen Verhältnissen, die Band Simple Minds. Anfang der 80-er wurde sie zu einer der wichtigsten Gruppen im damals noch tonnenweise Geld scheffelnden Popbetrieb. Über 70 Millionen Alben gingen über den Ladentisch, noch heute kennt jeder den Vorzeige-Hit "Don't You (Forget About Me)". In diesen Tagen erscheint mit "Walk Between Worlds" bereits das 18. Album der Simple Minds. Kerr führte zwei kurze Ehen, eine mit der Pretenders-Musikerin Chrissie Hynde und eine mit der britischen Schauspielerin Patsy Kensit. Aus beiden Verbindungen ging jeweils ein Kind hervor. Ein typisches Rock'n'Roller-Leben also? Der heute 58 Jahre alte Jim Kerr ist insofern etwas Besonderes, weil er seine Band trotz vieler Krisen und ausreichend verdientem Geld nie auflöste. Seit über 15 Jahren lebt der Fan des Fußball-Klubs Celtic Glasgow in seiner Wahlheimat Sizilien. Er freut sich über jeden Tag, an dem er einen neuen Song schreibt, und über jedes Konzert - auch wenn die Hallen heute kleiner sind als damals. Gibt es ein würdiges, zufriedenes Altern als Popstar?

teleschau: Was fasziniert einen Jungen aus Schottland am Leben auf Sizilien?

Jim Kerr: Einerseits das, was jeder mag. Die Wärme, das gute Essen und die Geschichte. Bei mir geht es jedoch tiefer. Die Landschaft macht etwas mit meiner Seele. Sie inspiriert mich und lässt mich gleichzeitig ganz ruhig werden. Dabei ist es ja so, dass Sizilien derzeit für eine der weltweit größten Krisen steht. Die Flüchtlingsboote aus Afrika landen hier. Von Sizilien aus ist der Weg nach Libyen kürzer als der nach Rom.

teleschau: Sie unterstützen einen lokalen Fußballverein und haben ein Hotel eröffnet. Sie könnten trotz politisch krisenhafter Zeiten fast als Tourismus-Botschafter der Insel durchgehen ...

Kerr: Nun, ich habe ja schon einen Job. Aber tatsächlich war ich innerhalb der Familie offenbar ziemlich überzeugend. Mein Neffe ist mir schon hinterhergezogen. Es ist schon verrückt: Die Sizilianer träumen alle davon, ihre Heimat zu verlassen. Und ein paar verrückte Schotten wollen unbedingt dorthin (lacht).

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teleschau: Haben Schotten und Sizilianer etwas gemeinsam?

Kerr: Ja, die Herzenswärme. Ich finde mich darin wieder, weil ich diese Wesensart aus Schottland und Irland gut kenne. Manchmal denke ich, es hat mit der Kargheit der Landschaft zu tun. Überall, wo es unwirtlich ist, müssen die Menschen mehr zusammenhalten, um ihrem Boden ein gutes Leben abzugewinnen.

teleschau: Welche Schottland-Klischees nerven Sie?

Kerr: "Nerven" ist vielleicht übertrieben, aber ich konnte nie viel mit dem mystischen Schottlandbild anfangen. Mit Highlander, Schottenrock und dem Nebel über dem Moor. Es ist nicht so, dass ich es nicht mag, aber mein Aufwachsen war völlig anders. Ich komme aus einer Sozialbau-Siedlung mitten in Glasgow. Meine Geschichte ist näher dran an der eines Arbeiterjungen aus Liverpool oder Detroit als am Schottenklischee. Als ich groß wurde und Musik zu machen begann, hatten viele Menschen um mich herum ihre Arbeit verloren. Es herrschte eine postindustriell depressive Stimmung. Interessanterweise haben wir unser neues Album genau in diesem Viertel Glasgows aufgenommen.

teleschau: Wie kam das?

Kerr: Es ist eine verrückte Geschichte. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, früher ging er auf meine Schule, eröffnete ein sehr gutes Tonstudio im Viertel. Überall auf der Welt schließen die großen Studios. Er hingegen eröffnet eines der besten, das es derzeit gibt. Es ist etwa fünf Minuten Fußweg entfernt von meinem Elternhaus. Als ich davon hörte, mussten wir einfach dort aufnehmen. Wir haben das letzte, akustische Album und das neue dort aufgenommen. Der Typ ist extrem reich. Er holte sich die edelsten Hölzer aus Schweden und engagierte die besten Toningenieure Londons, um das Studio einzurichten.

teleschau: Hatte Ihr Umzug von Großbritannien in Europas Süden Anfang der Nullerjahre etwas von Rückzug, vielleicht sogar von vorgezogener Rente?

Kerr: Es hatte sicher etwas von Rückzug, denn die Band war damals in einer tiefen Krise. Für die Rente war es mit Anfang 40 vielleicht etwas zu früh. Andererseits hatte ich schon eine Menge hinter mir. Im Musikzirkus gibt es viele Schulterklopfer - wenn du erfolgreich bist. Je älter ich werde, desto überzeugter bin ich davon, dass vor allem Glück darüber entscheidet, ob du eine große Karriere machst oder nicht. Ich kannte Dutzende Bands und Musiker, die viel talentierter waren als wir - und die es niemals zu etwas gebracht haben. Die Schulterklopfer versuchen natürlich, dich vom Gegenteil zu überzeugen. Sie sagen: "Du hast so hart gearbeitet. Jetzt verdienst du, die Früchte zu ernten." Ich bin anderer Meinung.

teleschau: Was macht neben Glück einen erfolgreichen Rockstar aus?

Kerr: Neben dem Glück? Eine gewisse Fähigkeit, dieses Leben durchhalten zu wollen. Nicht jeder ist dafür gemacht. Selbst in meiner Band gab es Leute, die haben nach zehn Jahren hingeschmissen. Jeder sagte zu ihnen: "Du bist verrückt. Warum hörst du auf, wenn es so gut läuft?" Ich bin der Meinung, dass man es sich nicht aussuchen kann. Entweder man hat Lust, sein Leben als Musiker zu verbringen, oder man hört damit auf, wenn man sich der Sturm-und-Drang-Phase entwachsen fühlt.

teleschau: Sie haben mit den Simple Minds im Gegensatz zu anderen großen Rockbands nie aufgehört ...

Kerr: Aber wir waren kurz davor. Ich gehöre zu jener Gruppe Songwriter, die immer noch aufgeregt wie ein kleines Kind vor einer Geburtstagsfeier sind, wenn sie vor einem leeren Blatt Papier oder dem Laptop sitzen, weil sie einen neuen Song schreiben wollen. Auf unserem neuen Album gibt es den Song "Magic". Darin erinnere ich mich an die Zeit, als ich 19 Jahre alt war - und wie ich dieses Leben empfand. Wir fühlten uns damals vor allem wissbegierig und hungrig. Wir wollten etwas in diesem Leben erreichen. Es ging aber definitiv nicht darum, Stars oder reich zu werden. Wir waren Idealisten, die das Leben möglichst intensiv spüren wollten.

teleschau: Glauben Sie im Nachhinein zu wissen, warum gerade die Simple Minds zu einer der erfolgreichsten Bands der 80-er wurden?

Kerr: Ich gehöre nicht zu jener Sorte Menschen, die sagt: Wir waren so genial, dass wir es einfach schaffen mussten. Wie gesagt, es gehört Glück und die richtige Mentalität dazu, um es zu schaffen. Als wir anfingen, wussten wir nichts. Es gab niemanden in unserem Umfeld, der einen Plattenvertrag hatte. Alle anderen Bands, die wir kannten, spielten Coverversionen von Songs anderer Leute in Bars. Die Idee, das wir Arbeiterjungs aus Glasgow einmal Karriere im Musikbusiness machen würden, lag so fern wie die Idee einer Laufbahn als Superheld oder Astronaut.

teleschau: Sie sagen, Anfang der Nullerjahre hätte sich die Band beinahe aufgelöst. Was bringt eine Band in so eine Krise?

Kerr: Bei uns war es der Zahn der Zeit. Wir sind eine Band aus den 70-ern, auch wenn wir erst Anfang der 80-er erfolgreich wurden. In den 90-ern begann ein innerer Auflösungsprozess. Jeder machte sein eigenes Ding. Zudem wird man der Sache ein wenig müde. Es kommt eine neue Generation Bands, die als cooler, wichtiger und besser erachtet wird. Warum soll ich Simple Minds hören, wenn es die Stone Roses gibt? Solche Sachen fragte man mich damals. Ist doch klar, dass viele irgendwann denken: Ich habe genug Geld verdient, macht doch euren Scheiß alleine.

teleschau: Welche Bands überleben?

Kerr: Vor allem die, die in einer Krise zusammenstehen. Wer als Gruppe zerfällt, wenn es mal nicht so läuft, hat definitiv keine Zukunft. Deshalb glaube ich, dass jene Bands, die wirklich über viele Jahrzehnte zusammenbleiben, tatsächlich einen großen Zusammenhalt empfinden.

teleschau: Konnten Sie Ihren Erfolg als junger Mensch genießen? Es gibt ja diesen Spruch, die Jugend wäre an die Jungen verschwendet. Weil sie nicht wissen, wie gut es ihnen gerade geht ...

Kerr: Jeder, der ein gewissen Alter erreicht hat, ist traurig über Dinge, die früher passiert sind. Wer alt ist und nichts bereut, ist ein Idiot. Heute fühle ich vor allem Dankbarkeit für das, was mir passiert ist. Wenn ich mich aber zurückerinnere an jene Zeit, als ich jung war, erinnere ich mich vor allem an Druck. Ich ärgerte mich über negative Kritiken. Ich hatte Sorge, dass die nächste Single nicht funktioniert oder die Stimmung bei einem Konzert nicht ekstatisch genug war. Heute kann ich nur müde darüber lächeln, worüber ich mich damals aufgeregt habe.

teleschau: Das heißt, sie sind heute glücklicher, weil sie so etwas wie Demut gelernt haben?

Kerr: Die Hallen, in denen wir spielen, sind heute viel kleiner. Trotzdem fühle ich mich besser und erfolgreicher als damals. Ich empfinde Dankbarkeit, weil ich ein Leben lang gut von der Musik leben konnte und nie etwas anderes machen musste. Außer in den zwei Jahren zwischen Schule und unserem Durchbruch. Da haben wir auf dem Bau gearbeitet und andere Jobs gemacht, um Geld für Essen und Instrumente zu verdienen. Ich glaube, genau diese Zeit hat mich ein Leben lang geprägt. Weil man es damals mit Leuten zu tun hatte, die sehr dicht an der Kampflinie des Lebens existierten. Viele meiner Songs aus den frühen Jahren gehen auf diese Zeit zurück.

teleschau: Vermissen Sie Ihre Jugend?

Kerr: Nein, ich bin glücklich. Sowohl mit meinem Alter als auch mit meinem Leben. Wenn du 19 bist, hast du kein Leben. Jedenfalls keines, das man in seiner Gänze spürt. Alles passiert einfach so. Ich wurde ein viel glücklicherer Mensch, als ich Verantwortung übernehmen musste. Als ich beispielsweise Vater wurde. Heute bin ich sogar Großvater, auch das begeistert mich. Ich freue mich heute über jeden Song, den ich schreibe. Nicht, weil ich glaube, dass er genial ist, sondern weil mich der kreative Prozess einfach glücklich macht. Genauso wie die Arbeit im Studio oder die Konzerte auf Tour. Es ist tatsächlich so, dass man alt werden muss, um die einfachen Dinge schätzen zu lernen.

teleschau: Trauern Sie den 80er- und 90er-Jahren hinterher, weil die Musik in jener Zeit größer als heute gewesen ist?

Kerr: Sie meinen den Rückgang der Verkaufszahlen von Tonträgern, das Ende von MTV oder das Verschwinden der großen Bands?

teleschau: Unter anderem.

Kerr: Man muss Veränderungen, die wechselnde Epochen mit sich bringen, akzeptieren. Wer zu lange am Alten klebt, macht sich unglücklich. Darüber hinaus haben fast alle Entwicklungen gute und schlechte Seiten. Ein guter Freund von mir, ebenfalls ein Musiker, lebt in Australien. Wenn wir früher telefonierten und er mir erzählte, er habe einen großartigen neuen Song aufgenommen, konnte ich den erst Tage oder Wochen später hören, wenn ein Päckchen mit einer Kassette bei mir ankam. Wenn wir heute über so was reden, sagt er: Warte, ich schicke dir kurz einen Link! Früher musste man ein aufregendes Stück Musik lange in Plattenläden suchen oder darauf warten, bis die Platte mit der Post geschickt wurde. Heute wird die Neugier sofort befriedigt. Wir haben grenzenlosen, schnellen Zugang zu toller Kunst. Wie will man beurteilen, ob diese Entwicklung nun rein positiv oder negativ zu bewerten ist?

teleschau: Ist Musik für die Menschen von heute weniger bedeutsam als früher?

Kerr: Nein. Das zu glauben, wäre ein großer Fehler. Musik wirkt immer noch genauso wie früher. Vor allem auf junge Menschen, die so vieles das erste Mal erleben. Musik ist 2018 ebenso magisch, wie sie es zu meiner Zeit Anfang der 80-er oder bei der Erfindung von Rock'n'Roll gewesen ist. Man fühlt den Rhythmus, verliebt sich in eine Melodie und wird gefangen von Worten. Musik ist nichts anderes als Magie - und sie wird immer bleiben.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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