Musik / Backstage

Nach jüngsten Morden: Wie gefährlich ist die Rap-Szene wirklich?

Was hinter den Toden von Lil Peep, XXXTentacion und Smoke Dawg steckt

Tragödien in Serie: Am 30. Juni 2018 wurde der Rapper Smoke Dawg vor einem Club in Toronto erschossen. Er ist der dritte Star der neuen englischsprachigen Rap-Generation, der innerhalb der letzten acht Monate verstarb. Auch XXXTentacion wurde erschossen, Lil Peep erlag einer Überdosis. Alle drei feierten gerade ihre ersten großen Erfolge, waren Anfang 20. Ist die Rap-Szene gut 20 Jahre nach Tupac und The Notorious B.I.G wirklich so ein gefährliches Pflaster? Oder liegen die Gründe doch woanders? Eine Ursachensuche.

"Only real killers and drug dealers up in my bando", rappte Jahvante Smart, der sich als Musiker Smoke Dawg nannte, auf seinem bekanntesten Song "Trap House". Nur echte Mörder und Drogendealer hängen in meinem Viertel rum. Am 30. Juni 2018 wurde er selbst Opfer einer Schießerei vor einem Klub in seiner Heimatstadt Toronto. Er wurde 21 Jahre alt.

Smart wuchs in Regent Park auf, einem ärmeren Viertel in Toronto. In einem Interview mit dem Musikportal "Noisey" sprach er davon, dass einige seiner Bekannten getötet wurden oder ins Gefängnis mussten. Seine Erfahrungen aus einem Leben zwischen Kriminellen und Abgehängten wollte er in seiner Musik verarbeiten und allen zugänglich machen. In dem kurzen Videoausschnitt lächelt Smart verschüchtert, wirkt unscheinbar. Einen "auf hart" machte er nicht, um eine Glorifizierung des Gangsterdaseins schien es ihm auch nicht zu gehen.

Sogar Superstar Drake, der ebenfalls aus Toronto stammt, war begeistert vom Sound des jungen Musikers, der seit seiner Teenagerzeit Musik machte. 2017 nahm der Arrivierte ihn mit auf Tour, unterstützte ihn. Auf Instagram machte Drake seiner Fassungslosigkeit über den Tod des Freundes Luft: "So viel Talent, so viele Geschichten, die wir nie zu hören bekommen werden."

Dieser Satz passt auch auf Jahseh Dwayne Onfroy, Künstlername: XXXTentacion. Der Rapper aus Florida wurde am 18. Juni 2018 in seinem Auto erschossen. Mutmaßlich handelte es sich um einen Raubüberfall. Er starb mit gerade einmal 20 Jahren. Auch er wurde von den Stars der Szene unterstützt, etwa von Kanye West und Kendrick Lamar.

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Im Sound war XXXTentacion noch radikaler als Smoke Dawg. Er vermischte zerfetzte Noise-Klänge mit Alternative Rock und modernem Trap. Er sang schmerzvoll, schrie, bis die Stimme wegbrach. Es schien, als wolle er mit seiner Musik seinem Körper und seiner beschissenen Lebenssituation entfliehen. Da seine Mutter sich nicht um Onfroy kümmern konnte, wuchs er hauptsächlich bei seiner Großmutter auf. Er begann früh mit der Musik und geriet genauso früh mit dem Gesetz in Konflikt. 2016 wurde er für einen bewaffneten Raubüberfall verurteilt. Wenig später warf ihm eine Ex-Freundin schwere Misshandlungen vor. Auch deswegen saß er zwischenzeitlich im Gefängnis. Ob er tatsächlich schuldig war, wurde nie geklärt.

Es gab eine Debatte darüber, ob es nach diesen Vorwürfen überhaupt noch moralisch vertretbar sei, Onfroys Musik zu hören. Das Streamingportal Spotify kündigte sogar an, die Musik des Rappers nicht mehr zu unterstützen und von Playlists und Algorithmen auszuschließen. Kendrick Lamar stellte sich vor Onfroy, kündigte an, seine eigene Musik ebenfalls vom Straemingdienst entfernen zu lassen, sollte Spotify das Vorhaben durchsetzen. Spotify knickte ein, machte die Einschränkungen rückgängig.

Die XXXTentacion-Stücke waren wütend, ja hasserfüllt. Sein Hass richtete sich dabei gar nicht unbedingt gegen die Polizei oder andere Rapper, sondern vor allem gegen sich selbst. Onfroy hatte psychische Probleme, darüber sprach er öffentlich. Seine Musik war, so kontrovers sie auch diskutiert wurde, ein Hilfeschrei. Im posthum erschienenen Video zum Song "Sad" werden makabererweise seine eigene Beerdigung und sein Kampf gegen den Tod umrissen. Er singt: "Suicide if you ever try to let go, uh / I'm sad, I know, yeah, I'm sad, I know, yeah."

Weder Smarts noch Onfroys Tod hat primär etwas mit Rap-Beef zu tun, also mit den Streitereien zwischen mehreren Rappern, die in der Musik und manchmal auch auf der Straße ausgetragen werden. Genauso wenig wie die Tode von Rappern aus Chicago in den letzten Jahren, die hochaggressive und von Schussgeräuschen untermalte Drill-Musik machten. Auch wenn der legendäre Eastcoast-Westcoast-Beef zwischen Tupac Shakur und The Notorious B.I.G Mitte der 90-er für beide tödlich endete: Nur selten ist die HipHop-Subkultur der wahre Grund für die Taten. Stattdessen spiegeln auch die jüngsten Morde strukturelle Probleme in benachteiligten Vierteln in Nordamerika wieder.

Rassismus gegenüber Afroamerikanern ist weiterhin präsent, noch immer gibt es Benachteiligungen. Sie bekommen schwerer einen Job, sind eher von Zwangsräumungen betroffen, verdienen im Durchschnitt weniger Geld als Weiße, landen öfter im Gefängnis.

Einige junge Männer werden kriminell, weil sich ihnen keine andere Perspektive erschließt, die sie aus der Misere retten kann. Sie fühlen sich abgehängt, werden wütend. Es entsteht eine Grundaggression: ein Grollen, das sich immer wieder in Gewalt entlädt. Durch Streitereien zwischen Dealern oder Gangs, durch Raubüberfälle, durch Schüsse aus Waffen von Polizisten auch auf Unbewaffnete, gibt es Tote. Generell werden Waffen schnell gezückt, weil sie leicht zu bekommen sind. Smart und Onfroy sind Opfer dieser Tendenzen, Opfer dieser Aggression, die auf mangelnder Gleichberechtigung fußt.

Auch der Tod von Gustav Elijah Ahr, der sich Lil Peep nannte, steht für ein gesellschaftliches Problem. Ahr stammte aus einer europäisch-stämmigen Akademikerfamilie, wuchs gut behütet auf. Doch seit seiner Jugend hatte er mit psychischen Problemen zu kämpfen. In seiner Musik spiegelt sich das wieder. Er sang und rappte zu Sounds, die an Emo-Rock und Grunge erinnern, über Schmerz, Suizid und seinen exzessiven Drogenkonsum.

Auch seine Songs waren Hilfeschreie und Selbsttherapie. Er nahm vermeintlich alles von Kokain bis hin zu Schmerzmitteln (Oxycodon) auf Opiatbasis - aus Spaß und zum Zweck der Selbstmedikation, um irgendwie mit seinen Problemen zurechtzukommen. Am liebsten aber, erklärte er einmal in einem Interview, mochte er den Angstlöser Xanax. Der wurde Lil Peep schließlich zum Verhängnis. Er starb am 15. November 2017 mit 21 Jahren an einer Überdosis des Opiats Fentanyl, mit dem seine Xanax-Tabletten gestreckt worden waren. Kurz zuvor postete er auf Instagram noch: "When I die you'll love me." Wenn ich sterbe, werdet ihr mich lieben.

Ahrs Tod lässt sich vor allem in Bezug zur sogenannten Opioid-Krise in den USA setzen. Viele Menschen, auch viele Musiker, sind abhängig von frei verkäuflichen Schmerzmitteln und Hustenstillern wie Codein. Die Medikamente werden von Ärzten, auch bei psychischen Erkrankungen, leichtfertig verschrieben. Die Tode von Prince und Tom Petty wurden auf Opioide, insbesondere Fentanyl, zurückgeführt. Die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb im August 2017 von 142 Toten pro Tag durch Opioid-Überdosen. Einen Monat später rief US-Präsident Donald Trump den Gesundheitsnotstand aus. Geholfen hat der, das zeigt auch der Tod von Ahr, bisher nicht viel. Ahrs Überdosis brachte aber zumindest Akteure der Rapszene zum Umdenken. Viele Rapper und Fans äußerten öffentlich ihr Beileid und nahmen sich im Zuge dessen vor, selbst die Finger von Opioiden zu lassen.

Die drei tragischen Fälle rütteln auf. Sie sorgen für ein eine Sensibilisierung der jungen Fans für gesellschaftliche Probleme. Als Beweis dafür, dass die Rapszene ein gewalttätiger, drogenabhängiger Haufen ist, taugen sie nicht. Das wäre eine Umdeutung der Probleme zulasten der Opfer.

Johann Voigt

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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