Musik / CD

Kettcar: Ich vs. WirEin großes Statement

Kettcar waren schon eine erfolgreiche deutsche Band, als die hiesigen Charts noch nicht von Dutzenden "Menschen, Leben, Tanzen, Welt"-Sängern bevölkert waren. Die letzten drei Alben der Hamburger Indierocker erreichten allesamt Platz fünf der Charts. Wobei das letzte Werk, "Zwischen den Runden", bereits fünfeinhalb Jahre zurückliegt. Nun überrascht Sänger und Songwriter Marcus Wiebusch, der aufgrund seiner mit gepresster Stimme vorgetragenen Selbstreflexionen auch schon als Befindlichkeitsrocker kritisiert wurde, mit einem musikalisch und textlich herausragenden neuen Album. "Ich vs. Wir" zeigt, dass majestätische Pop-Gitarren ziemlich gut mit poetischen Texten über die AfD, linke Dogmatiker und andere brisante Themen aus Deutschland zusammengehen.

Was für ein Auftakt! Im grandiosen ersten Stück "Ankunftshalle" singt Marcus Wiebusch über zwei deprimierte Menschen, die immer, wenn sie einen schlechten Tag haben, mit dem "6er-Bus" zur Ankunftshalle des Flughafens fahren. Dort beobachten sie Gelandete, wie sie von ihren Lieben in die Arme geschlossen werden: "Wie die, die viel zu lang weg waren / die letzten Schritte und dann / umarmen / und sie dann einen Augenblick lang / unsere Leute sind / und für Sekundenbruchteile / mal keine Meute sind". Dazu wird jener Moment, in dem die Menschen aufeinander zulaufen, so wunderbar mit sich steigernden Gitarrenwänden begleitet, dass vor dem Auge des Hörers ein oscarreifer Film entsteht. Selten hört man Pop, in dem lyrisch anspruchsvolle Texte so kunstvoll und handwerklich überzeugend zu darauf abgestimmter Musik passen.

Der Gegensatz zwischen Individuum und Masse, das bereits im Albumtitel ausgewiesene Thema der Platte, wird in vielen Stücken unterschiedlich behandelt: wortsemantisch im Titelsong "Ich vs. Wir" und "Mannschaftsaufstellung", oder - noch schöner - einfach nur bezaubernd wie eine starke Kurzgeschichte in der erwähnten "Ankunftshalle".

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Ebenso ergreifendend wirken "Trostbrücke Süd" sowie der bereits als Single (mit sehenswertem Video) veröffentlichte Song "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)".

In jenem erzählt Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Fluchthelfers, der aus Überzeugung kurz vor der Maueröffnung an die österreichische Grenze zu Ungarn reist, um in einer Nacht- und Nebelaktion Löcher in den Grenzzaun zu schneiden. Die aktuelle Flüchtlingsdebatte wird in diesem Lied zwar mit keinem Wort erwähnt, der Diskurs über Gründe für Flucht und ihre Unterstützung aber auf kluge und empathische Weise vorgeführt.

Marcus Wiebusch hat zum richtigen Zeitpunkt seine Stimme und die richtigen Worte (wieder)gefunden. Dass die Musik dazu so einnehmend klingt, ist ein Glück. Die richtigen Worte mit schaler Musik wären stumpfer Politrock geblieben. So aber führen Kettcar mit überraschend relevanter Rockmusik vor, dass Deutschland keineswegs verloren ist.

Eric Leimann

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelIch vs. Wir
Bandname/InterpretKettcar
GenreIndie-Rock
Erhältlich ab13.10.2017
LabelGrand Hotel van Cleef
VertriebIndigo
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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