Musik / CD

Madsen: LichtjahreGefangen im Coming-of-Age-Roman

In den 14 Jahren ihrer Bestehenszeit haftete Madsen immer mehr der Ruf einer Schüler- als der einer Rockband an. Woran das unter anderem lag: Ihre Texte waren nie so kryptisch wie die vom Deutschpunk-Flaggschiff Turbostaat, ihr Sound höchstens in den Anfangsjahren so ungestüm wie bei den Beatsteaks, und die vermeintlich coolen Kids haben sich im Zweifelsfall immer für die etwas aggressiveren Muff Potter entschieden. Trotzdem ist das Geschwister-Ensemble weiterhin ein Publikumsliebling, weil es Madsen immer wieder gelingt, die Teenager-Herzen mit ihrem geradlinigen Mix aus Indie-Rock und Mitgröl-Refrains zuverlässig durch die Festivalsaison zu tragen. Es dürfte also kein Zufall sein, dass auch die Veröffentlichung von "Lichtjahre" genau in diese Phase des Jahres fällt.

"Lichtjahre" erscheint eine Woche vor dem Hurricane Festival, das drei Jahre nach dem letzten Album "Kompass" ein sicheres Heimspiel für die Ost-Niedersachsen werden dürfte. Denn Madsens akkurate Akkordfolgen aus dem Green-Day-Baukasten bleiben auch auf Album Nummer sieben clevere, weil hymnische Crowdpleaser - Schlager-Punk, der niemandem wehtut. Die Wendländer werden vermutlich für immer jene ungefährliche Dorfjugend repräsentieren, die sich zwar Gedanken über das Weltgeschehen macht, aber die Revolution eher als Fantasie und nicht als realistische Alternative zelebriert.

"Wir warten viel zu lange / An der falschen Schlange", bringt Sebastian Madsen die bürgerliche Haltung im Kutten-Pelz mit seinem typischen Garagenband-Timbre auf den Punkt ("Ein paar Runden"). Sein Gesang besitzt nach wie vor weder die träumerischen Akzente von Thees Uhlmann, noch die reißerischen Momente von Campino - er schummelt sich so durch.

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"Lichtjahre" strotz obendrein vor Gemeinplätzen: Da gibt es Kritik am allgemeinen Selbstoptimierungswahn ("Wenn es einfach passiert"), eingängige, aber zahnlose Adoleszenz-Romantik ("Mein erstes Lied") und drollige Social-Media-Verweigerung mit Zeilen wie "Keiner hat's gesehen / Keiner hat's geliket oder geteilt - war das schön" ("Keiner"). Die punkrockig gemeinten Hymnen verkommen in diesem nicht enden wollenden Coming-of-Age-Roman zu biederen Gitarren-Fetenhits, die ziemlich altmodisch wirken. Zeilen wie etwa "Weißt du noch, als das alles egal war? / Als wir mit den Fahrrädern nach Hause fuhren und das einzig Wichtige die Sommerferien waren?" klingen aus dem Munde eines fast Vierzigjährigen vor allem nach dem Versuch, einer verlorenen Jugend hinterherzurocken.

So machen Madsen auf "Lichtjahre" so etwas wie Musik für Durchschnittsmenschen. Das ist nicht verwerflich, aber eben auch nicht verrucht. Und wird Rockmusik nicht erst durch Rohheit sexy? Eben. Die Band ändert nichts an der bewährten Marschroute mit simpler, aber pathetischer Landeier-Lyrik und poppigem Punkrock; die neuen Songs sind einfach gestrickt und ein bisschen naiv. "Lichtjahre" ist somit ein wenig wie die niedersächsische Heimat der Band: malerisch genug, um eine Weile auszuharren, aber für viele vielleicht auch ein bisschen zu langweilig, um auf Dauer da zu bleiben.

Fionn Birr

Audio CD
Bewertungakzeptabel
CD-TitelLichtjahre
Bandname/InterpretMadsen
Erhältlich ab15.06.2018
LabelArising Empire
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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