Musik

Cro"Ich bin einer, der mehr als einen Grabstein hinterlässt"

veröffentlicht am 8. September sein neues Album "tru."

Das Klischee, dass Menschen zum Friseur gehen oder ihre Möbel umstellen, wenn sie gerade ein einschneidendes Erlebnis hinter sich haben, ist so alt wie wahr. Cro war nicht beim Friseur und hat auch nicht umgeräumt - aber er hat eine neue Maske, was ungefähr auf das Gleiche hinausläuft. Sie ist einfach nur weiß, ohne die niedlichen, schwarzen Panda-Augen. "Man kann das schon als Neuanfang verstehen", erklärt der 27-jährige Rapper. "Mein neues Album ist next nevel, ich wollte etwas anderes machen. Auch ich habe mich verändert, auch ich bin älter geworden."

Sechs Jahre ist es her, dass Cro, auf dessen Stromrechnungen der Name Carlo Waibel steht und der schon im zarten Alter von 13 Jahren in seinem Stuttgarter Kinderzimmer erste Songs aufnahm, wie aus dem Nichts auftauchte. Mit seinem kostenlos ins Netz gestellten Mixtape "Easy" und dem gleichnamigen Titelsong stellte er ohne große Plattenfirma im Rücken erst die Blogsphäre und dann die Musiklandschaft auf den Kopf. Sein Debütalbum "Raop" (2012) verkaufte sich bis heute 2,5 Millionen Mal. Auch mit dem Nachfolger "Melodie" (2014) brach er etliche Rekorde, bevor er 2015 als jüngster Künstler überhaupt ein MTV-Unplugged-Album aufnahm. Cro entwarf eine Kollektion für H&M, ließ mit Kangaroo und Vio Vio den "Hi Top Skywalker IV" aufleben und gewann dafür den Deutschen Schuhpreis. Kurz: Alles, was Cro anfasste, schien zu Gold zu werden.

Bis zum letzten Jahr. Zusammen mit Til Schweiger brachte er im Oktober den Film "Unsere Zeit ist jetzt" ins Kino - eine Mischung aus Comic-Biopic, Gegenwarts-Dokumentation und fiktionaler Zukunftsvision. Drei Jahre Arbeit hatte Cro in dieses Herzensprojekt gesteckt, doch der Film floppte: Gerade einmal 40.000 Menschen wollten ihn im Kino sehen. "Als die Zahlen kamen, war ich schon kurz geschockt", gesteht Cro. "Eine Doku über einen tropfenden Wasserhahn hat mehr Zuschauer. Natürlich habe ich mir danach Gedanken darüber gemacht, dass der Erfolg auch ganz schnell zu Ende sein oder auslaufen kann." Diesen Gedanken aber habe er dann "sofort verworfen und weitergemacht".

Das Ergebnis ist sein drittes Album "tru.", das musikalisch ausgesprochen vielseitig daherkommt. Anfang des Jahres kaufte Cro sich einen alten Synthesizer, der den Sound der Platte maßgeblich beeinflusste. "Der rauscht, wenn man ihn anmacht, und wenn man loslegt, klingt er so Daft-Punk-mäßig", schwärmt der Rapper. "Daran habe ich viel herumgespielt, und auch sonst habe ich experimentiert, rumgeklimpert, geklappert - und alles so fehlerhaft gelassen, wie es war, damit es Charakter und Charme hat. So hat sich nach und nach der Sound entwickelt. Ich finde diese Platte ist mega eckig und doch irgendwie weich. Wie eine geile flüssige Gummimasse, die bounct."

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Textlich macht Cro das, was er am besten kann: Er singt von Gefühlen, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten - allerdings lässt er die Hörer dieses Mal noch näher an sich heran als früher. "Ich habe lange überlegt, was für Themen es so gibt und was ich auf diesem Album erzählen kann. Und dann wurde mir klar, dass ich eigentlich nur über mich selbst erzählen kann. Mein Leben." Er führt aus: "Das ist dieses Album: meine Freunde, meine Familie, wie ich Dinge erlebe. Mit Maske, ohne Maske. Was kommt echt an mich heran, was ist fake? Und das spiegelt dann irgendwie auch die Gesellschaft wider."

So singt Cro mal über Tinder ("Compituful"), dann sinniert er darüber, dass Hochglanzmagazine uns ständig eine perfekte Welt vorgaukeln, die nicht real ist ("Paperdream"). Er träumt von einer Reise nach "Toki Yo" und fragt sich in "Unendlichkeit", was eigentlich von ihm bleibt, wenn er mal nicht mehr auf dieser Welt ist. "Ich bin auf jeden Fall einer, der mehr als einen Grabstein hinterlässt", ist er sich sicher. "Mir würde es ja schon reichen, wenn die Kinder sagen: 'Papa ist cool, der hat mir das und das gezeigt.' Aber ich glaube, da geht noch mehr. Irgendwie habe ich das Gefühl, es geht jetzt erst richtig los. Alles, was bisher passiert ist, war nur ein Starten der Raketen."

In dem Stück "Kapitel 1" heißt es: "Ich war noch nie so ausgeglichen, alles glory / Nichts und niemand bringt mich aus der Mitte". "Wenn immer alles super läuft, weiß man das nicht zu schätzen. Zum Beispiel in einer Beziehung. Man muss einmal verlassen haben und einmal verlassen werden, um zu wissen, wann es perfekt ist", erklärt Cro. "Ich habe bei diesem Album viel nachgedacht: Wo ich hinwill, wo ich herkomme, was ich habe und was ich brauche. Das klingt so Glückskeks-Kalenderspruch-mäßig, aber ich habe echt zu mir gefunden. Ich war viel alleine und habe gemerkt: Ich bin down mit mir."

Den Film gedreht zu haben, bereut er übrigens auch nicht. Denn am Ende habe er wichtige Erkenntnisse daraus gezogen. "Zum Beispiel, Schrauben von vornherein fester anzuziehen und besser zu briefen. Und auch mal ein bisschen mehr der Arsch zu sein. Ich bin viel zu nett und lasse nie die Sau raus." Dann orientiert sich Cro noch einmal nach oben: "Die ganz Großen, die ihre Visionen durchboxen, sind glaube ich Arschlöcher. Zu sehr Arschloch will man natürlich auch nicht sein, aber man kann auch mal auf den Tisch hauen."

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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