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Torment: Tides of NumeneraVom Leben und Leiden eines Ex-Gottes

Der vielleicht umfangreichste Fantasy-Roman der Welt ist kein Buch, sondern ein Spiel: Über eine Million Wörter bringt "Torment: Tides of Numenera" auf den Bildschirm und setzt damit die Tradition seines berühmten Vorgängers im Geiste "Planescape: Torment" fort. Ein Rollenspiel-Abenteuer also, Zeit benötigt. Jede. Menge. Zeit.

Vor 18 Jahren war Interplays "Planescape: Torment" ein Geheimtipp, heute ist es Kult und gilt als Parade-Beispiel für das erzählerische Potenzial des Rollenspiel-Genres. Ein Parade-Beispiel, das nun fortgesetzt wird - einer treuen Fan-Schar sei Dank, die über vier Millionen Dollar spendeten.

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Im Gegensatz zum Quasi-Vorgänger verzichtet "Torment: Tides of Numenera" auf die Lizenz des Rollenspiels "Dungeons & Dragons". Auch inhaltlich hat das neue Spiel nichts mit dem Urahn zu tun. Man teilt sich allein die Vorliebe für eine ausschweifende Geschichte.

Konkret bedeutet das: Seitenlange Bildschirmtexte ohne nennenswerte Vertonung oder gar Synchronisation - "Torment" setzt ganz auf seine hintergründige Erzählung, um den Spieler in eine bizarre Mixtur aus Science Fiction, Fantasy und okkultem Alien-Horror zu saugen. Und diese Story hat es tatsächlich in sich: Eine Milliarde Jahre in der Zukunft wechselt ein selbstsüchtiger Gott von einem künstlich erschaffenen Körper in den nächsten, um sein unheilvolles Leben für die Ewigkeit zu konservieren - ungefähr so, wie ein Videospieler ein Extraleben nach dem anderen verheizt, um doch noch ans Ziel zu kommen. Der Haken an dem Konzept: Ausrangierte Körper, die zum Zeitpunkt des Wechsels noch leben, entwickeln sich zu selbstständigen Individuen - verstörende Erinnerungen an das Leben als "Gott" inklusive.

Genauso ergeht es dem Alter Ego des Spielers: Er beginnt das Abenteuer als eine der "abgelegten Hüllen" und rast - gefangen in einem endlosen Sturz - dem Erdboden entgegen. Vergleichbar mit dem Wal in Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Wer während dieser ungewöhnlichen Charakter-Erschaffung die falsche Entscheidung trifft, dessen Heldenleben endet, bevor es überhaupt angefangen hat. Wem es dagegen gelingt, den Sturz abzufangen und mit einer frischgebackenen Heldenfigur die abstrakte Spielumgebung zu erkunden, darf allerdings nicht gleich die Welt retten. Vielmehr geht es darum, den Sinn der eigenen Existenz zu ergründen - und zu verstehen, warum ein Monster namens Kummer Jagd auf den Spieler macht.

Um den Lese-intensiven Selbstfindungstrip durchzustehen, braucht man zwar jede Menge Geduld, doch die zahlt sich schließlich aus. Denn ob es nun die bizarren Gefährten des Helden selber sind oder die vielen skurrilen Gestalten, auf die er im Verlaufe seiner Odyssee trifft: Die Reise durch die "Neunte Welt" erzählt hunderte faszinierender Geschichten, knüpft die Entscheidungen des Spielers geradezu virtuos in die Entwicklung der Handlung ein - und bei all dem kommt das Abenteuer fast ohne Gefechte aus. Nur wer Konflikte gewaltsam provoziert, muss sich mit dem taktischen Kampfsystem auseinandersetzen - alle anderen quatschen sich buchstäblich aus den Schwierigkeiten heraus.

Das ergibt in Summe ein Rollenspiel, das vor allem eins ist: Geschmackssache. Von der kruden, oft verpixelten Grafik über die albtraumhaften Schauplätze bis hin zur 1,2 Millionen Worte schweren (und exzellent übersetzten) Geschichte: "Torment" ist wie ein anspruchsvoller 1.000-Seiten-Roman mit teilweise philosophischem Tiefgang. Man weiß, das man ihn unbedingt lesen sollte - aber nur die Hartnäckigsten schaffen es bis zur letzten Seite.

Robert Bannert

Game
SpielnameTorment: Tides of Numenera
HerstellerInxile
VertriebTechland
Erhältlich ab28.02.2017
Bewertung Gesamtgut

Erhältlich für:
PC, Mac OS X, PS4, Xbox One

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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