Musik / Backstage

Von New York nach Berlin

Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe und seine Band Emigrate veröffentlichen "Silent So Long"

Wer den Namen Richard Kruspe hört, denkt fast ausschließlich an Rammstein. Dies allerdings könnte sich bald ändern. Denn während es um die weltbekannten Vertreter der Neuen Deutschen Härte momentan eher ruhig ist, kommt ihr Gründungsmitglied mit dem zweiten Album seines Projekts Emigrate um die Ecke. Zum Interview in Berlin bringt er seinen Bandkollegen, den französischen Bassisten Arnaud Giroux mit. Und schnell wird klar: Das Projekt ist deutlich gewachsen. Ein Gespräch über Mittelpunkte des Lebens, Trennlinien zu Rammstein und den Fall der Berliner Mauer.

"Alles, was ich in New York schreibe, schreibe ich für Emigrate. Was ich in Berlin schreibe, ist für Rammstein." Das Zitat stammt aus dem Jahre 2007. In diesem Jahr erschien auch das Debüt von Emigrate. Eine andere Welt. Eine Flucht auch. "Emigrate wurden auch aus einer Frustration heraus gegründet", erinnert sich Kruspe. "Ich war auf der Suche nach etwas, das ich in der Welt von Rammstein verloren hatte. Etwas, das ich wieder zu erreichen versuchte. Andere Menschen und Künstler mit einzubeziehen, offen für Kollaborationen zu sein. Denn daher komme ich."

Während das erste Album jedoch noch unter dem Schirm der Loslösung, der Suche nach einer Balance stand, geht "Silent So Long" einen Schritt weiter. Das Bekenntnis: "Ich habe für mich herausgefunden, dass ich seit diesem Album eine Zukunft für Emigrate sehe. Dieses Gefühl hatte ich beim ersten Album nicht." Und Giroux ergänzt: "Wir haben Emigrate von der Kindheit ins Teenager-Alter gebracht."

Auch der Vergleich zwischen Berlin und New York ist inzwischen obsolet. Was nicht zuletzt mit den persönlichen Entwicklungen zu tun hat: "Ich bin aus den USA zurück nach Deutschland emigriert", schmunzelt Kruspe. "Der Grund dafür ist, dass meine Tochter geboren wurde. Und es war mir wichtig, dass sie in Berlin aufwächst." Die Rückkehr fand vor zwei Jahren statt, ein Großteil der Platte war zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben. Aber: "Ein Großteil der Produktion fand in Berlin statt, das ist ein Unterschied. Das erste Album war definitiv ein 'New-York-Album'. Aber dieses ist ein 'Berlin-Album'. Und das kann man hören. Es hat eine düstere, elektro-basierte Stimmung." Düster. Ist die Hauptstadt denn tatsächlich solch ein guter Ort, um Kinder aufzuziehen? Der 47-jährige schränkt ein: "Berlin ist eine gute Stadt, bis die Kids elf oder zwölf sind. Dann musst du schauen, dass du weg kommst."

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Auch Arnaud Giroux wird nach Berlin ziehen, mangelnde Deutschkenntnisse sind kein Hinderungsgrund. "Die Fähigkeit zur Adaption ist eine Form der Intelligenz", so der Bassist. "Es bedeutet, mit all dem Neuen zurechtzukommen, was um dich herum ist. Mit Menschen zu kommunizieren, selbst wenn du deren Sprache nicht beherrschst. Wenn du imstande bist, dich anzupassen, bist du imstande zu überleben. Wenn du imstande bist, zu überleben, bist du imstande zu leben. Und wenn du imstande bist zu leben, bist du imstande, zu wachsen, zu gedeihen." Die Fähigkeit zur Adaption zeichnet Emigrate aus. Giroux weiter: "Ich verehre Rammstein sehr, weil sie eine sehr deutsche Band sind. Sie ziehen dieses 'deutsche Ding' ohne Kompromisse oder Zugeständnisse durch. Und wurden weltberühmt, weil sie damit absolut authentisch und glaubwürdig blieben. Emigrate hingegen sind auch deshalb so interessant, weil wir alle aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen kommen. Und wenn du genau hinhörst, erkennst du die Einflüsse. Das ist Teil unserer DNA, wenn du so willst."

Ein Teil der DNA von "Silent So Long" sind auch die zahlreichen Gäste, mit denen sich das Album schmücken darf. Die meisten von ihnen kannte Richard Kruspe bereits zuvor. "Außer Peaches. Ich wollte mit 'Get Down' einen Song für Strip Clubs schreiben. Ich brauche immer ein Bild im Kopf, wenn ich einen Song schreibe. Und bei diesem waren es die Striptease-Tänzerinnen an der Stange. Arnaux schlug einen weiblichen Gast vor und erwähnte Peaches. Es stellte sich heraus, dass sie in Berlin war. Ihre erste Reaktion: 'Mir ist egal, was du machst. Ich will dich einfach mal treffen.' Also trafen wir uns und verbrachten eine Stunde damit, über Rohkost, gesunde Ernährung, Smoothies und solche Sachen zu reden. Und nach einer Weile sagte ich: 'Ok, lass uns einen Song machen'".

Ein weiterer Gast, der herausgehoben wird, ist Lemmy. Der Motörhead-Fronter hinterließ offensichtlich bleibenden Eindruck: "Ich vergleiche seine Stimme mit japanischer Kalligrafie", setzt der auch als Designer tätige Giroux an. "Sie hat etwas sehr Essenzielles. Es gab bei ihm keine Fehler. Das Ergebnis war der reinste, perfekte unperfekte Song. Er macht den Song zu seinem eigenen, indem er einfach er selbst ist." Eine kunstvolle Umschreibung, die Giroux aber auch auf den Punkt bringen kann: "Er ist die Inkarnation des Rock'n'Rolls im 21. Jahrhundert."

"Silent So Long" verspricht ein Erfolg zu werden. Einer möglichen Tour erteilt Kruspe jedoch eine Absage: "Es gibt keine Pläne. Das ist auch etwas, was ich gerade in der Rammstein-Welt vermisste: Alben zu machen, das ist es, was ich am meisten liebe. Touren bedeutet, etwas wiederzugeben, was bereits kreiert wurde. Und ich bin interessiert daran, etwas Neues zu schaffen." Auf Reisen wird die Band jedoch immer bleiben. Zumindest innerlich. Davon zeugt schon ihr Name. Richard Kruspe erinnert sich: "Als ich 18 Jahre alt war, ging ich alleine von Schwerin nach Ost-Berlin. Von Ost-Berlin aus flüchtete ich nach West-Berlin. Von West-Berlin ging ich nach New York. Ich bin fortlaufend emigriert. Das ist Teil meines Lebens."

Möglich wurde dies allerdings erst durch den Fall der Berliner Mauer. Ein Ereignis, an das sich Kruspe gut erinnern kann. "Zu der Zeit war ich bereits seit sechs oder sieben Monaten in West-Berlin. Ich saß, wie wahrscheinlich viele andere Leute auch, vor dem Fernseher und sah, wie auf die Frage des Journalisten der entscheidende Satz fiel, welcher die Maueröffnung zur Folge hatte. Also rannte ich raus, zum Grenzübergang Chausseestraße. Die Leute liefen von einer Seite auf die andere Seite, aber es herrschte Unsicherheit ... ich meine, du wusstest ja zu dem Zeitpunkt nicht, was geschehen würde. Also ging ich zurück und dachte: 'Na, wenn heute wirklich offen ist, dann wird morgen auch noch offen sein.'"

Alexander Diehl

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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