Musik / Backstage

"Hab keine Angst vor dem, was du bist"

veröffentlicht nach seinem ersten Sachbuch auch ein neues Album

Meditation statt Kraftmeierei, Sinnsuche ohne Räucherstäbchen: Mit dem starken neuen Album "Die Farbe von Wasser" meldet sich der 39-jährige Rapper Curse, der als Philosoph der deutschen Szene gilt, eindrucksvoll zurück. Außerdem hat er gerade ein Ratgeber-Buch veröffentlicht. Hinter Curse, der bürgerlich Michael Kurth heißt, liegen drei Jahre harte Arbeit - und mal wieder die Bewältigung einer Lebenskrise. Doch Curse wäre nicht der kluge, beherrschte Kopf, der er mittlerweile ist, hätte er dem Scheitern einer langjährigen Beziehung und der zwischenzeitlichen Abkehr vom hektischen Show-Business nicht wieder etwas abgewinnen können. Der glatzköpfige Zen-Rapper hat sich zum Systemischen Coach und Yogalehrer ausbilden lassen. Die zwei Seiten - coole Konzertbühnen-Präsenz und innere Ruhe - passen für ihn perfekt zusammen.

"Wir können uns über eine Sache sicher sein: Das Leben ist nur bedingt planbar", erklärt Curse bei einem Interview in einem Münchener Café und strahlt dabei die Ruhe aus, die er auch in seinem ersten Buch, dem Mehr-Gelassenheit-Ratgeber "Stell dir vor, du wachst auf" (Rowohlt Polaris), in vielen gut nachvollziehbaren Detailschritten empfiehlt. Einfach mal locker machen, empfiehlt der Künstler, der sich gerade selbst in den Doppel-Stress aus Album- und Buch-Veröffentlichung stürzte.

Ist es ein Widerspruch zu den Maximen, die er in seinem tiefschürfenden 224-Seiten-Werk über den Wert von Achtsamkeit, Meditationspraktiken, Körperbewusstsein und den Mode-Begriff "Digital Detox" vorexerziert? Nicht für Michael Kurth, der mit seinen undogmatischen Lehren seit einiger Zeit ein höchst erfolgreiches Podcast füllt und auch gerne als Redner auf Fachtagungen und Psychologie-Kongressen gebucht wird. "Wenn man sich Ausgeglichenheit immer nur dann vorstellt, wenn alles so abläuft, wie man sich das auf dem Reißbrett ausgemalt hat, dann bekommen wir richtig Probleme", sagt er. "Für mich heißt viel Arbeit nicht unbedingt, dass ich mich nicht locker machen kann. Und wenig Arbeit bedeutet für mich nicht, dass ich entspannt und happy bin." Er fasst zusammen: "Ich habe wenig frei. Aber es ist gut."

Das sah nicht immer so aus für Curse, der als Deutschrap-Wegbereiter mit zahlreichen Preisen wie dem Viva-Comet ausgezeichnet wurde und auch schon mit Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld zusammenarbeitete. Auf der Höhe seines Erfolgs ereilte ihn so etwas wie ein Burnout, Curse zog sich radikal aus dem Geschäft zurück - und feierte dann 2014 mit dem Studioalbum "Uns" ein viel beachtetes Comeback. Seitdem sind Yoga-Praktiken und Meditationseinheiten zum Kräftesammeln aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. Und auch die Ruhe, die auf den Rap wartet, ihn einfach kommen lässt und nicht erzwingt. "Unter Umständen kann man lange auf den perfekten Moment warten. Man muss sich halt seine Freiräume schaffen", sagt Curse heute. "Freiräume müssen ja nicht sofort ein vierwöchiger Urlaub in Thailand sein. Die Freiräume zwischendurch sind doch viel wichtiger", betont der Musiker.

Der Zusammenfall von Album- und Buch-Veröffentlichung sind für Michael Kurth sogar so etwas wie ein Test am lebenden Objekt. "Gerade eben ist für mich die beste Zeit, selbst einmal herauszufinden, ob alles so funktioniert, wie ich es in meinem Buch aufgeschrieben habe. Bisher bin ich echt beruhigt, denn es funktioniert ganz gut", bilanziert er. "Wir hatten die Möglichkeit, Buch und Album in etwa im selben Zeitraum rauszubringen, damit es sich ein wenig ergänzt. Die Alternative wäre gewesen, ein Jahr Luft dazwischen zu haben. Wer weiß, was in einem Jahr dann schon wieder alles passiert wäre?" Immerhin fühlt sich Curse mittlerweile gefestigt - und das merkt man ihm auch an. "Ich kann mit dem Stress besser umgehen als vor zehn Jahren. Die Betonung liegt auf 'besser'", sagt er. "Meine Historie aus den vergangenen zehn Jahren hat sicher dazu beigetragen, dass ich etwas gelassenener, besser und humorvoller mit den Dingen umgehen kann."

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Der Dauerstress lässt sich ohnehin nicht wegblasen. Es ist, wie es ist, lautet die Alltags-Formel des praktizierenden Zen-Buddhisten. "Anspannung ist ein normaler Teil des Lebens. Der Schlüssel ist: Anspannung in der Entspannung. Und andersherum. Beides funktioniert nicht getrennt von dem jeweils anderen." Hat er da gerade eine Yoga-Übung beschrieben? "Total!", freut er sich und schmunzelt. "Ich will wach und hell und aktiv sein, aber gleichzeitig auch ruhig und entspannt. Warum kann das nicht zusammen funktionieren?" Yoga trainiere genau das, ähnliche Ansätze kämen aber auch beim Kampfsport, beim Bogenschießen oder beim Fußball zum Tragen: "Auch die Jungs von der Nationalelf meditieren. Sie üben den klaren Fokus beim Elfmeterschießen."

Einen Link zwischen Meditation und der Kraft für ein neues Album möchte der Mann aus Minden, der heute in Berlin lebt, dabei aber doch nicht künstlich konstruieren. "Ich stelle das nicht so in den direkten Zusammenhang. Man kann Meditation oder Achtsamkeitspraxis dafür nutzen, ein Ziel zu erreichen und sich mehr auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Aber die Sache geht ja weiter. Buddha hat sich ja nicht vor 2.000 Jahren unter einen Baum gesetzt, damit 2018 ein Manager entspannter in seine Power-Point-Präsentation geht. Es ging ihm tatsächlich um die Fragen: Wer bin ich? Gibt es Glück?", philosophiert Curse und wird dann auch sehr deutlich: "Meine Meditationspraxis wirkt sich nicht direkt auf mein Schreiben aus. Sie hilft vielleicht, mich besser zu sammeln."

Das Album "Die Farbe von Wasser" ist Curse trotz der Doppelanstrengung sehr ans Herz gewachsen. "Obwohl die Arbeit an diesem Album sehr kräftezehrend war, weil ich parallel zwei Sachen gemacht habe, hab ich das diesmal gar nicht als so schlimm empfunden", bekundet Curse. "Das war vom Arbeitspensum her vielleicht mein intensivstes Album. Aber unterm Strich war ich am Entspanntesten. Und es hat mir am meisten Spaß gemacht."

Und wie geht er nun konkret beim Schreiben seiner Musik vor? "Ich arbeite sehr viel in Phasen. Der künstlerische Prozess ist ja auch immer an Veröffentlichkeitstermine geknüpft. Es gibt die Schaffensphase, dann die Promo-Phase, die Veröffentlichungs-Phase, die Live-Phase und dann schon wieder die Schaffensphase", erklärt Curse. "Im Findungsprozess treffe ich mich mit verschiedenen Leuten, die Musik machen, und wir hören uns gemeinsam Songs an. Da habe ich meist schon ein paar Fetzen an Ideen. Dann fange ich an, so ein bisschen die Suppe anzusetzen. Sie fängt an zu brodeln und köchelt immer weiter runter. Zwischendurch salze ich nach oder schütte die Suppe mal um. Irgendwann ist sie fertig, und ich fange an, mich zu fokussieren. Dieser Prozess setzt bei mir immer genau dann ein, wenn ich eine klare Deadline habe."

Solche gesetzten Ziele auch punktgenau zu treffen, ist für Curse Ehrensache. "Ich halte Deadlines immer mit absoluter Punktlandung ein. Wenn ich um sieben Uhr fertig sein muss, dann melde ich mich schon um 6.59 Uhr und 59 Sekunden", sagt er nicht ohne Stolz. Macht man sich so viele Freunde im Geschäft? "Kann schon sein. Die meisten Leute, die mit Künstlern arbeiten, haben schon immer die Deadline nach der Deadline im Hinterkopf. Normalerweise gibt es 40 Sicherheitsnetze. Die brauche ich gar nicht. Man muss einfach cool bleiben."

Ein wichtiger Schritt steht nun aber erst an - der Wechsel von der Studio- in die Auftrittsphase. "Die Farbe von Wasser" stellt Curse mit einer großen Tour vor. "Das neue Album habe ich noch gar nicht live gespielt. Nur die erste Single habe ich zweimal live vor Publikum performt", sagt er. "Großer Bammel. Aber die Vorfreude überwiegt", beschreibt er seine Gefühlslage vor den anstehenden Auftritten.

"Wir machen uns einfach locker." Trotzdem bleibt die Anspannung vor jedem Gig. "Ich habe immer noch Lampenfieber, bevor ich auf die Bühne gehe. Jedes Mal: Ob zehn Leute oder 10.000 im Publikum stehen, macht keinen Unterschied", erzählt Curse. "Früher hatte ich so viel Lampenfieber, dass ich mich backstage übergeben musste." Jetzt herrscht die Devise: "Ich weiß, es wird gut. Und selbst wenn's nicht gut wird, wird's gut."

Den Gangster spielen auf der Bühne, wie das Kollegen vom Schlage Bushido oder Haftbefehl machen - davon hält Curse nichts. "Der Zug ist ja eh abgefahren." Früher markierte er aber doch gerne auch mal den harten Mann. "Ich hoffe, dass ich nie dreist oder aggressiv unhöflich war", beteuert Curse und gesteht ein: "Mit 21 hatte ich eine andere Energie als jetzt mit 39." Er wolle eben die Musik machen, die ihm entspricht.

Dazu gehört auch die Ernsthaftigkeit, die sein Buch ausstrahlt. "Ich habe seit einem Jahr einen Podcast. Der ging ziemlich schnell bei iTunes auf die Eins", berichtet Curse stolz. "Die Themen, die im Buch vorkommen, speisen sich auch aus meinem Podcast. Will sagen: Mein Buch kommt für meine Fans nicht aus dem Nichts." Die zwei Seiten seines beruflichen Lebens bekommt er mittlerweile immer besser in Einklang. So bot Curse sogar schon Meditations-Seminare auf großen Festivals an - für Fans und Musiker-Kollegen. Trotzdem bewegt er sich in Welten, die oft wenig voneinander wissen. "Es gibt Leute, die sagen: 'Herr Kurth, ich höre seit Monaten Ihren Podcast. Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Musik machen'", amüsiert sich Curse.

Inzwischen hat Curse die perfekte Balance gefunden. "Ich habe immer gedacht, dass ich meine Coaching-Arbeit und den Buddhismus vor den Rappern verstecken muss", blickt er zurück. "Eine Zeitlang war ich innerlich zerrissen." Das ging so weit, dass er sogar mit dem Gedanken spielte, für Rap- und Vortragsbühnen-Auftritte verschiedenfarbige T-Shirts zu wählen. Alles Quatsch, meint Curse heute. "Es bin ja beides ich. Ich könnte ja nebenher auch Feuerwehrmann sein."

Umso mehr freut Curse sich heute darüber, dass seine Beschäftigung mit "ernsten" Themen auch bei Fans und Musikern gut ankommt. "Ich habe einige Anrufe von Musik-Kollegen bekommen, die mir erzählen, dass sie wegen meines Podcasts mit dem Meditieren angefangen haben. Ist doch geil!" Mittlerweile stellt er sich auch bei Keynotes am Fraunhofer-Institut selbstbewusst als Künstler vor. "Das Erste, was ich dort sage: Ich bin Rapper. Bitte sehr! Die meisten nehmen das sehr positiv auf. Krasser A-ha-Effekt." Sein Fazit: "Hab keine Angst vor dem, was du bist."

Curse auf Tournee:

13.03. Wien, Flex Café (A)

14.03. Graz, ppc Bar (CH)

15.03. Salzburg, Rockhouse Bar (A)

16.03. Erfurt, Kalif Storch

17.03. Dresden, Scheune

21.03. Nürnberg, Hirsch

22.03. München, Backstage

23.03. St. Gallen, Kugl (CH)

24.03. Aarau, Flösserplatz (A)

25.03. Solothurn, Kofmehl (CH)

27.03. Freiburg, Jazzhaus

28.03. Stuttgart, Im Wizemann

29.03. Kassel, Lutherturm

04.04. Wuppertal, Börse

05.04. Heidelberg, Halle02

06.04. Karlsruhe, Die Stadmitte

07.04. Köln, LiveMusicHall

11.04. Münster, Skaters Palace

13.04. Minden, Musicbox

14.04. Frankfurt, Batschkapp

17.04. Duisburg, Grammatikoff

18.04. Hamburg, Grünspan

19.04. Bremen, Lagerhaus

20.04. Hannover, Musikzentrum

21.04. Berlin, BiNuu

Rupert Sommer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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