Musik / Backstage

"Es gibt nichts Konservativeres als Musikfans!"

fordert auf seinem neuen Album (ab 4. Mai): "Be More Kind"

"Sei freundlicher", fordert Frank Turner schon im Titel seines neuen Albums. Doch meint der britische Rock-Songwriter tatsächlich, dass man die autoritären Widrigkeiten in Zeiten aufkeimenden Hasses einfach weglächeln kann? Natürlich nicht. Dafür ist der ebenso klug argumentierende wie sympathische 36-Jährige zu reflektiert. Als überzeugter Liberaler gilt der Überflieger vor allem im linken Folk-Punk-Milieu als streitbare Figur. Dass ihm Totalitarismus jeder Couleur zuwider ist, macht Turner in seinem siebten Studioalbum "Be More Kind" deutlicher als je zuvor. So eingängig seine Musik, so kritisch die Texte: Beim Interview in Berlin spricht der studierte Historiker über die Lehren aus Geschichte, die Gefahren des neuen Totalitarismus und sein politischstes Album seit Jahren.

teleschau: Sie bezeichnen sich selbst als Liberalen. Was heißt das genau?

Frank Turner: Liberal zu sein heißt für mich etwa, bei einem Fußballspiel den Schiedsrichter anzufeuern (lacht). Es geht darum, wie wir uns in der Auseinandersetzung miteinander verhalten. Ein unbestreitbarer Fakt über die menschliche Spezies lautet, dass wir uns widersprechen und unterschiedliche Meinungen haben können. Eine liberale Gesellschaft sorgt dafür, dass wir dies friedlich austragen können, ohne dass man verprügelt oder verhaftet wird. Jede Gesellschaft, in der es keine Meinungsverschiedenheiten geben darf, ist laut Definition totalitär - und meiner Ansicht nach kindisch.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Turner: Eine totalitäre Gesellschaft ist einfach ein dummes und auch gefährliches Ziel. Liberalismus hingegen wirkt sehr naheliegend, ist aber historisch gesehen höchst unwahrscheinlich. Retrospektiv wird man die Zeit zwischen 1990 und 2016 wohl als angenehme Auszeit von der Geschichte interpretieren. Denn aktuell spielen viele Menschen mit einer Rhetorik, die den liberalen Gedanken ganz abschaffen will. Das ist ein verfluchtes Desaster!

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teleschau: Klingt nicht sehr optimistisch.

Turner: Stimmt, ich glaube, wir werden es in den Sand setzen. Es gibt eine grundlegende Veränderung in der Politik des Westens - der offensichtlichste Teil davon ist Donald Trump.

teleschau: Sie thematisieren diesen politischen Wandel auch in Ihrem Song "1933".

Turner: Manche kritisierten mich dafür und behaupten, dass ich Trump darin mit Hitler gleichsetzen würde. Aber das tue ich nicht. Was ich aber glaube ist, dass sich jede Bewegung, die eine nationale Erneuerung verspricht, verdammt harte Fragen gefallen lassen muss. Ich dachte immer, dass wir diese Lektion kollektiv als Spezies inzwischen gelernt hätten. In der Geschichte endeten solche Versprechen oft im nationalen Desaster. Es deprimiert mich, dass Leute auf diese Scheiße hereinfallen.

teleschau: Greifen solche Bewegungen nicht auf vorhandenen Nationalstolz zurück?

Turner: Es gibt einen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus. Menschen zahlen aufgrund Ihres Patriotismus Steuern. Zudem ist es ab einer gewissen Menge von Menschen schwierig, sich auf andere Weise als eine Gemeinschaft zu begreifen. Hinsichtlich des Aufstiegs der Nationalisten betrachte ich vor allem Dinge wie die sozialen Medien als problematisch.

teleschau: Was ist daran gefährlich?

Turner: Ich glaube, sie haben einen schlechten Einfluss auf die Politik und die mentale Gesundheit eines jeden. Ich selbst würde davon gerne wegkommen, daran scheitere ich noch (lacht). Die Menschen reden dort in einer Weise, wie sie es im realen Leben nie tun würden. In den sozialen Medien wird der Empörung und dem Aufgeregten eine enorme Bedeutung zugemessen. Es gibt auch das Phänomen, dass Leute stolz verkünden, dass sie ihre Gegner nicht verstehen. Das ist fürchterlich!

teleschau: Inwiefern?

Turner: Erst einmal lässt es einen sehr dumm dastehen, und außerdem ist es keine sehr kluge Taktik. Es ist wichtig, dass alle Trump-Gegner mit seinen Unterstützern eine Konversation führen! Wenn wir seine Wiederwahl verhindern wollen, müssen wir Leute davon überzeugen. Das gelingt nicht, indem man sie jedes Mal als Idioten beschimpft.

teleschau: Kann das denn funktionieren?

Turner: Das hoffe ich. Denn die langfristige Alternative wäre Gewalt. Dabei haben wir selbst im Westen schon mehr Gewalt als ich gehofft hatte. Trumps Regierung besitzt alle Anzeichen einer Bananenrepublik. Und die Idee der Demokratie ist sehr fragil, dass sah man schon 1933.

teleschau: Ihr neues Album heißt "Be More Kind" - wir sollen also freundlicher sein. Die Nazis wurden jedoch nicht mit Freundlichkeit besiegt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Turner: Das ist ein guter Einwand. Ich möchte nicht so rüberkommen, als würde ich nicht auch mal über Dinge wütend werden. Ich habe eine Haltung und Meinung zu den Geschehnissen. Eine Antwort wäre: 1933 war es in Deutschland schon zu spät, die Straßenkämpfe wurden seit 1930 gefochten, alle waren in kleinen Privatarmeen. Die Aufforderung "Be More Kind" bezieht sich auf die Zeit, bevor das passiert (lacht). Ich hoffe, wir sind noch nicht dort angelangt.

teleschau: Ihr Album ist nicht nur politischer, sondern auch musikalisch variantenreicher als die Vorgänger ?

Turner: Für mich fühlt es sich musikalisch radikal anders an, deshalb bin ich durchaus auch aufgeregt. Es gibt nichts Konservativeres als Musikfans! Schon bei meiner ersten EP sagten mir die Leute, ich sei ein Sell-Out. Fucking hell! Erstens muss ich mich ändern, sonst wiederhole ich mich. Und zweitens ist es ja nicht so, dass ich zu den Fans nach Hause komme und ihnen die alten Platten wegnehme (lacht).

teleschau: Veränderung ist für Sie etwas Positives?

Turner: Ja, ich gehöre sogar zu der Sorte von Menschen, die sagen, dass Radiohead immer besser wurden (lacht). Ich bin in diese Art von Musik einfach reingestolpert, das war nicht wirklich geplant. Als wir dann im Studio standen, länger als jemals zuvor, versuchte ich, mich aus meiner musikalischen Komfortzone zu entfernen.

teleschau: Inwiefern hängt so ein Wagnis auch mit den Inhalten zusammen?

Turner: Es ist ja so: In den letzten Jahrzehnten haben Bands kontinuierlich versucht, auch intelligente Popmusik zu machen. So wie Scritti Politti, die waren eine anarchistische Popband. Wenn man nun versucht, eine politische Botschaft zu vermitteln, dann kann eine zugänglichere Musik hilfreich sein. Man muss sich schon fragen, was der Sinn von politischer Musik ist, wenn sie nur eine winzige Gruppe erreicht. Popmusik muss kein dummes Wegwerfprodukt sein. Ich bin nicht sicher, ob mein Album ein Popalbum ist, aber das waren die Ideen, die mich beschäftigten.

teleschau: Ist es denn ein politisches Album?

Turner: Ich weiß nicht - bislang versuchte ich, diesen Ausdruck zu umgehen (lacht). Die letzten beiden Alben drehten sich um Dinge, die in meinem Kopf passierten. Dies ist nun ein Album über die Dinge, die in der Welt passieren. Ich habe keine Angst vor den Implikationen, die "politisch" mit sich bringt - es ist nur eben kein Rage-Against-the-Machine-Album. Es geht mir mehr um den persönlichen Aspekt von Politik.

teleschau: Haben Sie denn Angst, vereinnahmt zu werden - etwa wenn sie Trump einen "Bastard" nennen?

Turner: Sehr eloquent, oder (lacht)? Trump ist eine potenzielle zivilisatorische Katastrophe für die USA. Deshalb mag ich ihn nicht. Ich selbst sehe mich aber eher politisch in der Mitte, was auch immer das heißt. Zudem habe ich ja meine Erfahrungen, was politische Zuschreibungen angeht ?

teleschau: ? 2012 wurden Sie nach einer Rezension im "Guardian", die Sie rechts verortete, Opfer eines Shitstorms ?

Turner: Für mich war das eine regelrechte Hinrichtung meiner Person. Andererseits lernte ich daraus, bekam ein dickeres Fell - und ich weiß jetzt um die Verantwortung, die ich trage, wenn ich in der Öffentlichkeit unbedachten Unsinn rede. Ich lernte daraus, wie man sich öffentlich ausdrückt, wie man mit Sarkasmus und dergleichen umgeht.

teleschau: Sie haben sich seitdem mit politischen Äußerungen sehr zurückgehalten.

Turner: Ja, bis jetzt. Das Ganze hat mich sehr verletzt. Ich würde auch nicht sagen, dass ich meine politischen Ansichten geändert habe, sondern eher, damit argumentativ umzugehen. Inzwischen finde ich, wir sollten im politischen Diskurs zwei Phrasen viel öfter verwenden. Die erste lautet: "Ich weiß nicht". Sobald eine Bombe im Jemen hochgeht, ist jeder Idiot auf Twitter ein Experte in jemenitischer Politik. Haltet die Klappe und lernt! Die zweite, und wichtigere, lautet: "Ich habe meine Meinung geändert". Das sollte einen Menschen eher stolz machen. Das ist doch gut!

teleschau: Meist wird es jedoch als Schwäche angesehen.

Turner: Wenn man öffentlich seine Meinung ändert, wird man verdammt nochmal gekreuzigt. Das ist idiotisch. Dabei basiert darauf doch das Zusammenleben: Ich lerne und ändere meine Meinung. Allein die Vorstellung, dass ich genau die Person sein müsste, die ich mit 21 war, ist ein großer Witz. Wenn ich mich zwischen 19 und Mitte 30 nicht geändert hätte, wäre ich doch ein Idiot (lacht)!

teleschau: Meinungsstark ist Ihr Album dennoch - oder gerade deswegen?

Turner: Irgendwann kommst du an den Punkt, an dem du sagst: Jetzt muss ich mich äußern. Das war für mich im August 2016, als ich mit Flogging Molly während des Wahlkampfes in den USA tourte. Trumps Umfragewerte stiegen, und ich sagte ein paar Sachen auf der Bühne. Was ich in der Essenz sagen wollte: Das Amerika, das ich liebe, ist so viel besser als dieser Typ. Und viele Flogging-Molly-Fans antworteten mit "Trump"-Rufen. Das überraschte mich, ebenso wie die Studenten mit Trump-Fahnen. Da dachte ich, ich muss mich äußern.

Frank Turner auf Tour:

23.10. Würzburg, Posthalle

24.10. Stuttgart, Longhorn

10.11. Lingen, EmslandArena

11.11. Hannover, Capitol

13.11. Bremen, Aladin

14.11. Leipzig, Werk2

16.11. Hamburg, Sporthalle

17.11. Wiesbaden, Schlachthof

20.11. München, Tonhalle

22.11. Berlin, Columbiahalle

23.11. Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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