Musik / CD

Alligatoah: Schlaftabletten, Rotwein VDie Gedanken sind high

Es war einmal ein Rapper, der konnte theoretisch alles. Er konnte sich durch verschiedenste Oktaven singen, als wäre sein Stimmband flexibel wie ein Gummiband. Er hatte ausgefallene Ideen, mit denen man ganze Bücher hätte füllen können. Und er konnte die Menschen zum Lachen bringen. Trotzdem gelang es ihm nie, sein Potenzial voll auszuschöpfen. Dies ist die tragikomische Geschichte von Lukas Strobel aka Alligatoah. Das Trailerpark-Mitglied ist sich seiner speziellen Rolle in der Szene durchaus bewusst und bemerkt gleich zu Anfang der neuen Platte "Schlaftabletten, Rotwein V": "Rap braucht wieder einen Märchenerzähler."

Der melodieverliebte Gesang, der sich nah am Schlagerkitsch bewegt, war schon immer Geschmackssache, aber wenn Alligatoah im Duett mit sich selbst seine Harmonien ergänzt, sprüht die Platte nur so vor Spaß. Den Stücken wohnt zudem eine enorme Umtriebigkeit inne. Da findet man gefühlt tausend Kleinigkeiten und hört immer wieder Instrumente, die nur ein paar wenige Töne hervorbringen und dann schon wieder zum Abschied winken. Mal ist es eine Miniorgel, dann eine Flöte, alles ist denkbar. Und dazwischen immer wieder diese gesellschaftskritischen Seitenhiebe. "Ist das noch 'ne Songzeile oder schon ein Tweet?", fragt Alligatoah, und man sieht diesen Satz vor dem geistigen Auge schon auf einer Zitattafel in den sozialen Medien.

Storys erzählen kann der 28-Jährige auch wie kein anderer. Das beweist er auf dem neuen Album etwa mit einer neuen Detektivtrilogie über "Die grüne Regenrinne" (so hieß auch ein Song vor wenigen Jahren), die sich nach einer durchzechten Nacht samt Blackout in der Hand eines tollkühnen Helden befindet.

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Zu den auffälligeren Titeln zählt auch der Nu-Metal-Brecher "Hass", der irgendwo zwischen Linkin Park und System of a Down zur Jahrtausendwende pendelt und beschreibt, wie der Mensch im Auto zum Choleriker wird. In dem recht unbequemen Stück "Füttern verboten" heißt es dann: "Komm an den Zaun, wo die Flüchtigen wohnen / schauen ist erlaubt, aber füttern ist verboten".

Alligatoah bezieht auf seine eigene Weise politisch Position, wenn er über ein "Nazigespann" rappt, "das sichtlich von Primaten abstammt". Danach durchbricht er dann die sogenannte vierte Wand, klatscht sich selbst ironisch Applaus und führt sein Statement so ad absurdumt. Auch auf "Freie Liebe" will das Überhumor-Rezept nicht so recht aufgehen, wenn er singt: "Ich weiß jetzt, dass du frei bist, weil ich ständig Herpes krieg'". Das sollte man mit Witz nehmen, trotzdem mutet der ganze Song wie eine Verurteilung von freizügigen offenen Beziehungen an. Und so kommt man dann auch beim tragischen Teil von Lukas Strobels Geschichte an.

Bei der überzeichneten Kunstfigur Alligatoah kann man sich nie sicher sein, wie ernst die Inhalte eigentlich gemeint sind. Wenn Aussagen in der x-ten Ebene ausgehebelt werden und selbst die Ironie ironisch gemeint ist, fällt es schwer zu folgen. Man muss sich sehr konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Das macht Alligatoah aber auch zu einem interessanten Gegenentwurf zu anderen zeitgenössischen Rappern, deren Musik oft aus nur wenigen Wörtern mit vielen Wiederholungen besteht. Bei Alligatoah wird der Takt bis zum Anschlag gefüllt mit Wortspielen, der Gesang Spur um Spur verfeinert und die Stücke bis ins letzte Loch mit Melodien vollgepumpt. Das führt zumindest bei Freunden der Unterhaltung zu einem Happy End.

Arne Lehrke

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelSchlaftabletten, Rotwein V
Bandname/InterpretAlligatoah
Erhältlich ab14.09.2018
LabelTrailerpark
VertriebTrailerpark
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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