Musik / CD

Selten in der Geschichte der Pop-Musik musste ein Album einen weiteren Weg voller Hürden und Stolpersteine zurücklegen, als das zweite von Rita Ora. Sechs Jahre hat es gedauert, bis der Nachfolger zum 2012er-Debütalbum endlich in Gänze hörbar ist. Jetzt kommt "Phoenix" auf den Markt.

Zwischendurch gab es einen ausgiebigen Rechtsstreit mit ihrem Ex-Label Roc Nation, unüberwindbare Differenzen, einen neuen Vertrag bei Atlantic Records und immer wieder eigene Singles und Gastauftritte: unter anderem bei Iggy Azalea oder auf dem Soundtrack zu "Fifty Shades Freed" zusammen mit Liam Payne. Der ewige Vorlauf ist auch einer der Gründe, warum das zwölf Song starke Zweitwerk an Wucht verliert - die Hälfte der Songs wurden in den letzten knapp anderthalb Jahren in einschlägigen Playlisten oder in der Radio-Rotation schon totgespielt.

So wechseln sich bekannte und neue Titel ab und entwickeln einen Best-Of-Charakter, der mit einem stringenten Album wenig zu tun hat. Schon zu Beginn schnippst einen der Schlager-Pop von "Anywhere" so belanglos an, dass man sich überfressen anfühlt. Zum Glück ist dieser stampfende Tiefpunkt nach dreieinhalb Minuten überwunden. Trotzdem dröhnen mit "Let You Love Me" und "New Look" weitere 08/15-Songs aus den Kopfhörern, die auch vor sechs Jahren schon im Gros der Party-Hits unauffällig abgetaucht wären.

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Rita Ora macht viele von diesen Liedern, bei denen beim Karaoke alle den Refrain so ein bisschen mitsingen können, aber sich bei den Strophen etwas ratlos angeschaut und dann doch geskippt wird. Das bekannte "Lonely Together" mit Avicii baut sich langsam auf, lebt lyrisch im Moment ("I might hate myself tomorrow but I'm on my way tonight") und mag so etwas wie Party-Atmosphäre versprühen. Aber eher so, wie eine Dose Deodorant, die fast leer ist. Man muss schon im richtigen Winkel halten, ein bisschen schütteln und dann geht es irgendwie. Danach ist dann aber eben auch leer.

Musikalisch interessanter wird es in der zweiten Albumhälfte. "Summer Love" mit dem englischen Drum-and-Bass-Kollektiv Rudimental zieht die Temposchraube ordentlich an, und die 27-jährige Britin schmachtet sich durch eine gefühlvolle Bridge. Leider verkleben die Kaugummi-Synthesizer der vorherigen Songs immer noch die Gehörgänge. "Phoenix" hält auch noch den schon fast tragischen Höhepunkt Rita Oras Karriere bereit. "Girls" mit Bebe Rexha, Pop-Genie Charli XCX und Rapperin der Stunde Cardi B ist mit der interessanteste Song der Platte. Als Empowerment-Hymne gedacht, singt Rita von ihrer Liebe zu Frauen und ihrer Bisexualität. Würde sie nicht davon singen, dass sie das besonders gerne tut, wenn sie Wein getrunken hat und lesbische Beziehungen naiv als Phasen verklärt. Das Echo der LGBT-Gemeinde, namentlich von der lesbischen Ikone Hayley Kiyoko und Musikerkollegin Khelani, ließ nicht lange auf sich warten. Als "tone-deaf" und "harmful" bezeichneten sie den Song, also schädlich für das öffentliche Bild von nicht hetero-normativer Sexualität und als Entsprechung von männlichen "Frauen küssen sich halt ganz gerne mal, wenn sie getrunken haben"-Fantasien. Rita Ora entschuldigte sich zwar selbst kurze Zeit später, falls es jemandem Schaden zugefügt haben sollte, aber so bleibt auch diese eingängige Superkollabo mit einem Beigeschmack versehen, der ein reines Abfeiern leider unmöglich macht.

"Phoenix" ist ein dramatisch verunglücktes Pop-Album, das aus verschiedensten Gründen im Jahre 2018 keine Rolle spielen kann. Mit ihren 27 Jahren und nach all den verkrafteten Rückschlägen sollte es für Rita Ora noch nicht zu spät sein, wieder in die Spur zu finden, doch für den Moment spielt sie nicht mehr oben mit. Wenn sie Glück hat, war das der Großteil der Hürden und Stolpersteine, und sie muss nur einmal mehr aufstehen, als sie gefallen ist.

Audio CD
Bewertungenttäuschend
CD-TitelPhoenix
Bandname/InterpretRita Ora
Erhältlich ab23.11.2018
LabelWarner Music
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"



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